Von Wolfgang Engler

Könnten alle alles sagen, was sie sagen wollen – das Geriesel der Wörter begrübe uns unter sich. Ein irgendwie geordnetes Neben- und Nacheinander der Stimmen und Sichten ist unvermeidlich. Die einzelnen Beiträge müssen gruppiert und auf Themen bezogen werden.

Hier beginnt das Problem. Nicht alle besitzen die gleichen Chancen, Themen zu plazieren, nicht jeder Beitrag findet dasselbe Gehör. Machtpositionen der verschiedensten Art, wirtschaftliche, politische, kulturelle, sorgen für Selektionen im Vorfeld der Debatte. Hier getroffene Vorentscheidungen für die Verteilung von Aufmerksamkeit regulieren das spezifische Gewicht, die "Relevanz" und "Anschlußfähigkeit" von Wortmeldungen.

Als wäre das nicht genug, als erzeugten äußere Machtgefälle nicht von sich aus hinreichende Beschränkungen, sorgen die, die die Nadelöhre des öffentlichen Diskurses mit Erfolg genommen haben, für weitere Ein- und Ausgrenzungen. Davon, von den selbstgeschaffenen "Sprachregelungen" der Diskursexperten, soll im folgenden die Rede sein. Dabei schärfen persönliche Erfahrungen mit der "diskursiven Polizei" des Ostens den Blick für die kleineren und größeren Kunstgriffe, deren man sich im Westen bedient.

Die Ordnung des östlichen Diskurses war weithin ganz wörtlich zu verstehen. "Ordnungen" sorgten für Übersicht. Es gab Haus-, Besucher- und Postordnungen, Telephon-, Publikations- und Reiseordnungen, Personen und Unpersonen, "vernünftige" und "verrückte" Themen, pedantische Vorschriften zuhauf, die ein für allemal klärten, wer was wann und wem gegenüber zum Ausdruck bringen durfte.

Wo der äußere Zwang endete und der innere begann, war nicht leicht auszumachen. Die staatliche Oberaufsicht fand ihre Ergänzung in der Augenkontrolle vor Ort, die hoheitlichen Direktiven gingen in kleinliche Dossiers über, die Intellektuelle übereinander anfertigten, um im Fall des Falles "etwas in der Hand zu haben".

Eindeutig in den Bereich selbsterzeugter Schranken fielen die endlosen Klassikerkommentare und "Lesarten". Langweilig wie im Westen auch, bedeuteten sie darüber hinaus reale Gefahren. Sie rasterten "revisionistische" Abweichungen, noch ehe jemand auf sie verfiel, vergifteten nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft. Gestern Gesagtes und Geschriebenes verwandelte sich im Lichte letzter Deutungen plötzlich in Häresie, Vorausplanungen standen angesichts zu gewärtigender neuer Wendungen ohnedies auf wackeligen Füßen.