Vor dieser geballten 3000 Seiten Ladung muß geradezu gewarnt werden: Walter Kempowskis Riesen Collage hat eine Sprengkraft, daß man das Gefühl hat, die Schädeldecke explodiert; seine gigantische Mischung aus Gelächter und Grausen, aus Zartheit und Gemeinheit - Dummheit ohnehin - hat die Verzauberungsintensität der Theaterabende von Ariane Mnouchkine, von Faßbinders endloser DöblinFinsternis oder auch von Chereaus "Ring". Damals erinnerte man sich der Anekdote, derzufolge einst ein Amerikaner nach vier Wagner Abenden auf dem Bayreuther Hügel umherirrte und fragte: Bei Kempowski ist Roosevelt "still President" Generalissimus und der Führer ist der Führer: in den Abgrund. Wir schreiben das Jahr 1943. Während "die Heimat" sich noch beim Revue Kitsch der Zarah Leander, Marika Rökk, Johannes Heesters und der zahllosen anderen Karyatiden des verzierlichten Terrors amüsiert, schaufelt Adolfs blutrünstiges Verbrechergehirn Hunderttausenden ein Massengrab in Eis, Blut und Hunger. Es trägt den Namen Stalingrad. Kempowskis Dramaturgie ist so simpel wie geradezu diabolisch perfide: Er montiert Zeugnisse lediglich dieser zwei Monate 1. Januar 1943 bis 28. Februar 1943. Das wird zu einer so atemberaubenden Lektüre, daß man nach einer Woche aus diesem Pandämonium auftaucht und "Wie geht es weiter?" schreit. Was für Zeugnisse? Und wie montiert? Es handelt sich - im engeren Sinne - um kein geschriebeWalter Kempowski hat über Jahre hinweg private Aufzeichnungen, Tagebücher, Feldpostbriefe, Kriegstrauungsgesuche und "Ihr Sohn ist leider für Führer, Volk und Vaterland gefallen" Schreiben gesammelt (um deren Zusendung er zum Teil durch Annonce bat). Unveröffentlichtes Material Unbekannter, Lebenszeugnisse des sogenannten "kleinen Mannes", der auch schon mal ein Blitzmädel sein konnte oder eine flirtende Gans der KdF Tournee "Lebensfreude". Das ist das Aufzeichnungsprinzip seines Freundes Eberhard Fechner (der mehrere Kempowski Romane verfilmt hat).

Diese Dokumente sind untermischt mit "offiziellen Dokumenten": Führerbefehle, Funksprüche aus Stalingrad, Kino- und Theaterprogramme aus Hamburg oder Berlin, Tagebuchsequenzen von Goebbels, Brecht, Jünger und Thomas Mann oder Adjutanten Protokolle, ob von Churchills Casablanca Treffen mit Roosevelt oder aus des Morphium Wansts Goering Karinhall (tausend Bedienstete, Sanssouci Nachbau im Park für die liebe kleine Edda, Mini Wasserklosett inklusive). Das ist in strenger Chronologie gruppiert, Tag für Tag, die Geschehnisse prismenartig ineinandergeschnitten - Rommel in Afrika, die Geschwister Scholl in München, Goebbels im Sportpalast, Günther Weisenborn in der Todeszelle und die schmarotzende Hure Sven Hedin bei Fabel Diners in München und Berlin. Der Schriftsteller Walter Kempowski kommt nicht vor. Der Autor als Schnitt Regisseur. Wieweit er dennoch Kunst produziert hat, wird zu untersuchen sein.

Das Material erschlägt einen. Es zerreißt die Nerven, die zwischen Lachen, Widerwillen, Hohn und Haß hin- und herklirren. Der vordringliche Eindruck ist die seelische Dummheit der lieben Volksgenossen, die - jedenfalls bis zum grausigen Untergang der 6. Armee - zuhause stumpfsinnig Socken strickten und an der Front allen Ernstes seufzten "Womit haben wir das verdient?" Dieser Teil der Dokumente (vielleicht der authentischste) zeigt, wieder einmal auf ekelerregende Weise: Sie standen hinter ihrem Führer, und sie wollten "weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt". Durchweg im "In Liebe Euer Pappi" Ton schwankt das zwischen "Meine liebe Hilde und Kinderchen. Heute schössen wir einen russ. Jäger ab. Das hat mich ordentlich belebt, und ich fühle mich ein bißchen wohler in meiner Haut" und ("Deine liebe Mutti"): "Es tut mir sehr leid, mein lieber Junge, daß Du dort nun so allerlei Unannehmlichkeiten ertragen mußt "

So viele Haare hat man gar nicht, wie sich einem sträuben möchten angesichts dieses stumpfsinnigen Heroismus: "Wir werden niemals kapitulieren. Getreu unserem Fahneneid werden wir im Glauben an unseren geliebten Führer Adolf Hitler und im Vertrauen an den Endsieg unseres herrlichen Vaterlandes unsere Pflicht erfüllen. Unser Wahlspruch sei und wird es auch in den schwersten Stunden sein: Wir kämpfen bis zur letzten Granate. Es lebe der Führer und unser so heiß geliebtes deutsches Vaterland "

Dieses Blech stammt von einem Hauptmann; vielleicht ein Nazi. Aber denselben Stuß finden wir bei den "Muschkoten": "Wenn Du diese Zeilen erhältst, hat es das Geschick so gewollt, daß ich für unser gemeinsames geliebtes Vaterland mein Leben lassen mußte. Wie brennend gern ich bei Dir und unserer lieben kleinen Monika geblieben wäre, so kannst Du doch mit stolzer Trauer dessen gewiß sein, daß Du für Deutschland auch ein Opfer hast bringen dürfen" - "Dies ist der letzte Brief, den ich an Euch richten kann. Wir haben halt mal Pech gehabt. Wenn diese Zeilen zu Hause sind, so ist Euer Sohn nicht mehr da, ich meine auf dieser Welt. Aber da ist er doch, immer, und ist glücklich, sein Leben für unser Vaterland und seinen Führer opfern zu müssen. Ich meine alles bitter ernst, und mit Kopfhörer und Gewehr kämpfen wir. Alles für unsere Heimat, für unsere liebe Vaterstadt und unseren Führer. Grüßt alle recht herzlich von mir, denkt alle in meinem Namen, wir siegen doch noch!" Das widerliche Gemenge aus sentimentalem "Mein liebstes, treues und braves Herzelein, mein gutes Schätzelein - Dein guter Pappi", "Ja, jeder deutsche Soldat sehnt sich nach der Heimat, nach seinen Lieben, nach Ruhe und Ordnung" und ehernem "Der deutsche Soldat wirds trotzdem schaffen, das glaube ich felsenfest" ist unerträglich. "Der Russe" ist allemal der Feind, den wollte man besiegen, Untermensch, Asiate und Vieh, wie man die Millionen Hingeschlachteter gerne nannte; vornehmlich jene Herrenmenschen, die so gerne mit Goethe im Tornister dargestellt werden: "Meine liebe Muttel u. Kinder! Ich will Dir schnei wieter mal schreiben da ich noch gesund und munter bin was ich von Dir liebe Muttel u liebe Kinder hoffe. Da wir wieter ein paar schwere tage haben hir und müßen die Nächte zu hin schlagen denn der Russe hat uns wieder mal wolle überraschen aber es ist ihn nicht gelungen, denn er wolte uns fein aufreiben und uns vernichten und da Heist es Augen auf und die Kugeln Pfeiffen aber uns um den Kopf, aber man hat immer noch Glück das noch nichts basiert ist u wollen das beste hoffen. Und mach Dir keinen Kummer um mich blos das Essen ist so gnabj und hoffe das ich bald mal ein Päckchen bekomme. Liebe Muttel u. Kinder ich habe nicht viel Zeit zum Schreiben und es mus schnei gehen den wir müssen jeden Augenbligg wieder in die Schützenlöcher zur verteidiegung, und auch das wird wieder vorüber gehen, u er Schießt auch heute viel Artlerie un unse Schlucht wo wir liegen, und hoffen alles gutes, und werte schließen und viele Grüße an Rudi und Hildegart. Es grüßt Dich herzlich Daußendmal Dein guter Mann Martin.

Und wenn es geht schicke mir mal in einem Brief ein paar Ziegaretten mit denn mit rauchwaren ist es wie mit dem Essen auf Zwei Tage Drei Ziegaretten und ein Stumppen, noch mals herzliche Grüße von dein guten Pappa "

Dies Radebrechen des nordischen Elite Volkes ist nicht etwa eine bösartig herausgesuchte Ausnahme; geradezu Grimmelshausensches Deutsch findet sich in zahlreichen Briefen ("Libe Frau in anfank main schraiben teile ich dir mit das ich noch Gott sai dank gesunt und an leben bin und ich hofe das maine par zailen dir auch an di beste gesunthait antreten werden").