Von Petra Kipphoff

Am Flügel Swjatoslaw Richter. Ein Kopf wie Max Beckmann. Er spielt, wie es heißt den deutschen Gästen zuliebe, Bach und Beethoven. Titanen unter sich. Durch die Pathetique rauscht das Schicksal, hinterher tobt der Beifall. Blumen für den Pianisten. Sind wir in einem Konzert? Nein, wir sind im Puschkin-Museum in Moskau, wo die Ausstellung "Monet bis Picasso – die Sammler Morosow und Schtschukin" feierlich eröffnet wird.

Erst Musik. Dann Reden. Von Irina Antonowa, der Direktorin des Puschkin-Museums, in dessen Geheimkammern der berühmte Schliemann-Schatz der Berliner Museen einerseits nicht ist, andererseits doch ist, wenn die Bedingungen entsprechend sind. Frau Antonowa sagt über alles dieses natürlich kein Wort und mit der deutschen Beutekunst wird es weiter so gehen wie mit den Täubchen im Cape des Zauberers des Russischen Staatszirkus: Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage eines Taschenspielertricks. Knapp jenseits der Schweigensgrenze dann die Kommentare zu den beiden Sammlern aus Moskau, die uns hier an diesem Abend zusammenbringen. Sie hätten, meinte Frau Antonowa, wahrscheinlich auch nicht viel mehr von Kunst verstanden als andere auch. Und glücklicherweise gebe es auch in Rußland heute Banken als Sponsoren für Kunst.

Dann sprach Klaus Liesen, der Vorstandsvorsitzende der Firma Ruhrgas, die die Ausstellung initiiert und von oben bis unten und inclusive 12 000 russisch gedruckter Kataloge finanziert hat. Und der Kollege von der russischen Partnerfirma Gasprom (zwei Tage später sahen wir im deutschen Fernsehen die streikenden Gasprom-Arbeiter in Sibirien, die seit einem halben Jahr keinen Lohn mehr ausbezahlt bekommen haben). Schließlich sprach der immer wohlgelaunt aussehende russische Kulturminister Sidorow, der die Ausstellung mit gutem Gewissen eines der wichtigsten deutsch-russischen Projekte nennen konnte. Denn die anderen deutsch-russischen Projekte hat er gerade mal wieder von der politischen Tagesordnung gestrichen.

Morosow und Schtschukin, die beiden russischen Sammler, die vielleicht kühnsten, leidenschaftlichsten Sammler unseres Jahrhunderts, sie sind in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Nein, natürlich nicht wirklich, denn sie mußten das Land verlassen, wurden 1918 enteignet, starben im Exil. Morosow 1921 in Karlsbad, Schtschukin 1936 in Paris. Im Stadtpalais von Morosow, in dessen Treppenhaus den Besucher in den zwanziger Jahren ein Triptychon von Bonnard empfing, der sich seinen Musiksalon von Maurice Denis mit einer "Psyche"-Suite ausstatten ließ und gleichzeitig eine wunderbare Cézanne-Kollektion aufbaute, in diesen ehemaligen Gefilden der Kunst haust heute die Akademie der Künste. Stalin-Büsten en gros und en detail a.D. Im schönen, klassizistischen Haus von Schtschukin, für dessen Treppenaufgang der Sammler bei Matisse die großen Bilder "Der Tanz" und "Die Musik" bestellt hatte und in dessen Speisesaal sich die eher kleinen Leinwände von Gauguin quasi zu einer Ikonostase-Wand drängten, ist heute ein Teil des Verteidigungsministeriums untergebracht.

Schtschukin und Morosow, die beiden in ihrer insistierenden Leidenschaft wahrhaft russischen Sammler, deren Kunstschätze nach 1948 an die Eremitage in Leningrad und das Puschkin-Museum in Moskau verteilt, dort jahrelang in den Depots versteckt und eines Tages dann kommentarlos an die Wand gehängt wurden. Durch die Essener Ausstellung sind die Sammler überhaupt erst wieder zu Figuren der Öffentlichkeit geworden. Über 570 000 Besucher waren in vier Monaten ins Folkwang-Museum gekommen und hatten in den 120 aus beiden Kollektionen ausgewählten Kunstwerken den Aufbruch der Kunst zu Beginn des Jahrhunderts aus der Sicht der Sammler quasi nachträglich miterleben können. Über 105 000 Kataloge wurden verkauft.

Wie würden die Bilder am Ort ihrer Entdecker und frühen Besitzer aussehen, was würde man tun, um mit ihnen ihre nicht nur enteigneten, sondern auch gedemütigten und ins Verschweigen verstoßenen Sammler zu ehren? Vieles konnte man sich vorstellen, gerade in diesem Land, wo die Leidenschaften nicht nur zwischen Buchseiten blühen. Gerade an diesem Tag, wo ein Swjatoslaw Richter die Bilder einer Ausstellung begrüßte.