Die Binsenweisheit, daß die großen Weltläufte ebenso wie die vertrauten sozialen Nahwelten unübersichtlich und riskant geworden sind, ist längst über soziologische Proseminare hinausgedrungen. Heute kann man sie in jedem besseren Leitartikel zwischen Flensburg und Garmisch nachlesen. Aber es ist nicht allein – und wohl immer weniger – das Ende der großen Ideologien und der alten Feindbilder, das eine spürbare moralisch-politische Orientierungslücke hinterläßt. Irritierender noch macht sich jene Orientierungslosigkeit breit, die mit der Verflüssigung scheinbar festgefügter sozialer Lebensformen, kultureller Gewißheiten und eingespielter Rollengefüge entstanden ist.

Diese Leere will der Fischer Taschenbuch Verlag nicht unkommentiert, das wachsende Orientierungsbedürfnis selbst der für gewöhnlich gut unterrichteten Zeitgenossen nicht unbeantwortet lassen. Seine neue Reihe "Zeitschriften" soll den aktuellen "Wandel der Perspektiven und Denkprozesse" aufzeigen und "deutliche Akzente setzen". So bunt wie das Problem selber sind denn auch die Sujets und Beobachtungsperspektiven der dort versammelten neuen Zeitgenossenschaft.

In einem der ersten Bände unternimmt Sighard Neckel "Beutezüge durch den modernen Alltag", deren Quintessenz und Pointe im Haupttitel anklingt: "Die Macht der Unterscheidung". Einem aktuellen Strang soziologischer Diskussionen folgend geht es ihm in den hier zusammengestellten theoretischen Texten und reportageartigen Fallstudien um Regeln und Risiken der "Sinngebung einer Gesellschaft". Diese kreist heute mehr denn je um das Problem bitter benötigter, aber wechselhaften, potentiell frei wählbarer Identitäten von Personen, Gruppen oder auch Nationen. Unzählige Geschichten erfolgreicher oder gescheiterter Identitätsfindungen und -bildungen bezeugen seine Brisanz. Darin findet auch das nur scheinbare Potpourri der Themen und Textsorten des hier anzuzeigenden Buches seinen inneren Zusammenhang, denn Identitäten lassen sich nur durch Unterscheidungen entfalten und stabilisieren. So betrachtet, zeigen sich an Phänomenen wie Neid, individuellen wie kollektiven Unterlegenheitsgefühlen, Bluff, Marathonlauf und deutsch-deutschen Empfindlichkeiten nur einige Pathologien unseres distinktionsversessenen modernen Alltags.

Ihre Omnipräsenz verdankt sich dem Umstand, daß Lebensentwürfe, individuelle wie soziale Verhaltensnormen und Erwartungen jenseits von Stand, Klasse und Schicht zusehends disponibel werden. Nichts gilt mehr, jeder kämpft für sich allein, und die einst scharfe Provokation sozialer Grenzüberschreitungen hat ihren Reiz längst verloren. Doch am Ende der oft und mit Recht kritisierten alten Strukturen und Umgangsformen steht nicht etwa ein neues Arkadien der Gleichheit. Im Gegenteil entbrennt ein dauernder und hoch riskanter Kampf um die eigene Identität. Im selben Maße, in dem sich vertraute soziale Bezüge lockern, wenn nicht sogar reißen, und in dem individuelle Verhaltensoptionen bis zur Beliebigkeit steigen können, wächst das Bedürfnis nach neuen Unterscheidungen, die uns von den anderen Zeitgenossen abgrenzen und die sonst allzu arge Unordnung bändigen können. Diesen Distinktionsbedürfnissen verdanken ganze Gewerke von Sinn- und Zeichenproduzenten ihre Existenz.

Neckel zeigt auf, wie sich die individuelle Auswahl solcher Unterscheidungsangebote zu kollektiven "Lebensstilen" oder "Milieus" verdichtet und wie sich diese wiederum von allen anderen solcher Arrangements scharf, oft sogar antagonistisch, absetzen. Im Ergebnis schafft man aber nicht nur soziale Reservate emotionaler Sicherheit und Ordnung, sondern auch neue soziale Hierarchien. Die Grenze zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung ist fließend, und oft ist es, wie der wachsende Rechtsradikalismus zeigt, nur ein kleiner Schritt bis zum tödlichen Haß auf das andere.

Die Auswahl von und der Umgang mit solchermaßen "konstruierten" Unterscheidungen gewinnt plötzlich ein erhebliches Machtpotential: "Wir hier" unterscheiden uns von "denen dort", und natürlich sind wir besser. So ließe sich die Liste der von Neckel präsentierten Beispiele unschwer beliebig verlängern. Allenthalben, ob auf Vernissagen, in der Tekkno-Subkultur, ob im alternativen Kiez, in den neuen Bundesländern oder in Ex-Jugoslawien, ob positiv oder negativ definiert, lassen sich heute Wirkmächtigkeit und Folgelasten alltäglich praktizierter Freund-Feind-Unterscheidungen bemerken.