Man ahnte es, gewiß; doch so überzeugend vor Augen geführt wird es hier, im Münchner Stadtmuseum, zum erstenmal: das allumfassende "Bauen im Nationalsozialismus". So zeigen der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger und seine Mitarbeiter vom Architekturmuseum der Technischen Universität München eben nicht nur wieder den repräsentativen Bauten-Pomp der Nazis, ihren ungeschlachten Neoklassizismus, sondern das andere, an das wir uns so gewöhnt haben, daß es kaum noch auffällt: Postämter, Bahnhöfe und Baracken, biedere Siedlerhäuschen und elegante Industriebauten, Kasernen, Tankstellen, Reichsarbeitsdienst- und Konzentrationslager – aber auch den Größenwahnsinn, der sich in vielen geplanten städtebaulichen Vergewaltigungen bekanntgibt. Vorgeführt wird all dies am Beispiel Bayerns, quer durch die mehr als zweitausend Orte, die um Mithilfe und Auskunft gebeten waren und sie nicht selten widerstrebend oder gar nicht geleistet haben.

Und es wird mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die Architektur, gleich welcher Kategorie, nicht zu trennen war von den Zwecken, die damit verfolgt wurden, vom Einfluß auf die Menschen. Es herrschte ein teuflischer Synchronismus: Zugleich mit dem Haus der Deutschen Kunst in München war, zum Beispiel, das Konzentrationslager in Dachau errichtet worden, zwei Musterprojekte, mit denen sich die Nazis in Bayern eingeführt hatten.

Nein, es erwartet einen wahrhaftig keine süffige Bauschau, sondern eine betont sachliche Darstellung politischer Architektur und Stadtplanung, in der sich Plattheit und Hinterlist zu erkennen geben, je nachdem. Man sieht: große Landkarten, die die Situation verdeutlichen (und das Herz bisweilen stocken lassen, wenn man des Ausmaßes und der Dichte der Unterwerfung gewahr wird); man steht vor großen, sehr voll beschriebenen Tafeln (die zu lesen eine Menge Wißbegier und Geduld verlangt); man sieht Photographien, die manchmal mit kontrastierenden Episoden beginnen – Hitler im Mercedes, KZ-Häftlinge in Viehwaggons dann aber von eher nüchterner Mitteilsamkeit sind. Man muß gut zu Fuß sein (und erdulden, daß man den folgerichtigen Weg durch die Ausstellung selber finden muß), um diese fünfzehnteilige Lektion durchzuackern – etwas, das offensichtlich keinen abschreckt: Das Publikum strömt.

Es ist ja auch nicht wenig, das Staunen erregt, immer wieder: die gewaltigen, von Monumentalbauten gesäumten "Achsen", mit denen sich in den Haupt-, Gau- und Kreisstädten die neue von der alten Zeit abzusetzen vorhatte; die merkwürdig indifferente Vorliebe zu mal pompösen, mal folkloristischen, mal zu Ausdrucksweisen, die in die Moderne zurückweisen, die protzigen Denkmäler der Nazis und die beschämend beiläufigen Mahnmale, die man ihren Opfern oft mühsam zugestanden hat, auch die Mitteilung, daß zwischen 1933 und 1939 mehr Kirchen gebaut worden sind als in den 33 Jahren seit der Jahrhundertwende.

Die Attraktion der Großmannssucht aber findet sich nicht hier, sondern eine Etage höher, dort, wo München, die "Hauptstadt der Bewegung", und seine Geschichte ausgebreitet sind: ein etwa fünfzehn Meter langes Modell, das ihre geplante Hauptachse darstellen sollte. Schwer, das zu begreifen. (Bis zum 9. Januar; Katalog 54 Mark, im Handel 98 Mark.) M. S.