Von Joachim Nawrocki

Potsdam

Eine Potsdamerin traf am vergangenen Montag einen guten alten Bekannten auf der Straße und drückte ihr Entsetzen über das Ergebnis der Bürgermeisterwahl aus: 45 Prozent für den PDS-Kandidaten Rolf Kutzmutz! Ihr Gesprächspartner wurde einsilbig. Die Frau erkannte, daß auch er die PDS gewählt hatte.

Ein Riß geht durch die Landeshauptstadt Brandenburgs. Am Wahlabend feierten die PDS-Genossen in einem Zelt hinter der Parteizentrale lautstark ihren Erfolg. Durch die Rathausflure stolperte ein angetrunkener Altkommunist und rief "Sieg". Die Sozialdemokraten, deren Oberbürgermeister Horst Grämlich mit 29 Prozent abgeschmettert wurde, saßen derweil bedrückt in ihren Zimmern und kamen höchstens mal heraus, um sich über den Lärm bei der PDS zu beschweren.

"Mein erstes Gefühl war ein Erstaunen darüber, wo ich lebe", sagt die Kunstwissenschaftlerin Hanne Bahra, die zu DDR-Zeiten in der Potsdamer Opposition aktiv war. "Wenn Kutzmutz bei der Stichwahl gewinnt, werde ich ausreisen. Der Schock DDR hat drei Jahre nach deren Ende bei vielen offenbar schon nachgelassen", glaubt Hanne Bahra, "im Vordergrund stehen jetzt die sozialen Probleme und die unerfüllten Erwartungen. Es wird deutlich, daß viele die von der SED aufgezwungene Enge und Kleinbürgerlichkeit übernommen haben und auch heute noch so leben. Die Vielfalt der Möglichkeiten irritiert; vielen ist das Leben nach der Wende zu kompliziert. Die PDS gibt einfache Antworten."

"Bezahlbare Mieten" stand auf den Wahlplakaten der PDS, eine Forderung, die nichts ahnen läßt von Altschulden und Sanierungsbedarf, fehlenden Grünflächen und Spielplätzen. Kutzmutz plakatierte: "Meine Biographie beginnt nicht erst 1989." Das war Balsam für die Seelen von unzähligen Bürgern. Potsdam war zu DDR-Zeiten Bezirkshauptstadt. Das Landtagsgebäude heißt heute noch im Volksmund "Kreml". Die Landstreitkräfte der Nationalen Volksarmee hatten hier ihren Sitz, ebenso Grenztruppen und Zoll, Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und die Stasi-Hochschule. All denen, die davon profitiert haben, gibt der stets lächelnde Kutzmutz das Gefühl, daß sie sich deswegen nicht zu schämen brauchen.

"Ich will nichts besser reden, als es war", sagt Rolf Kutzmutz. Eigentlich redet er überhaupt nicht darüber, wie es war, außer eben "etwas ganz Normales". Warum hat er so viele Stimmen bekommen? "Wir haben fleißiger gearbeitet als die anderen und fünfzig Prozent der Anträge im Stadtparlament eingebracht. Wir wollen die Bürger mehr einbeziehen, damit sie von Entscheidungen nicht erst aus der Zeitung erfahren." Waren es nicht die alten Genossen in der "Roten Zelle Potsdam", die ihn gewählt haben? "Bei 45 Prozent kann man das nicht mehr sagen", meint Kutzmutz, "es ging um Inhalte und Personen. Da die Wahlprogramme einander sehr ähnlich waren, kam es letztlich auf die persönliche Akzeptanz an."