Von Helga Hirsch

Zehnter Dezember 1981. In Moskau tagt das Politbüro der KPdSU unter dem Vorsitz von Leonid Breschnjew. Der Genosse Bajbakow, gerade von Erkundungsgesprächen in Warschau zurückgekehrt, erstattet Bericht: Die Wirtschaft Polens, sagt er, sei in einem katastrophalen Zustand. In den Bergwerken werde gestreikt, die Bauern lieferten die Ernteerträge nicht an den Staat ab, die Regierung könne nicht einmal mehr die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln garantieren. Polen brauche von der Sowjetunion Lebensmittel und Rohstoffe im Wert von 4,5 Milliarden Rubel und noch 2,8 Millionen Transfer-Rubel dazu, um die Auslandsschulden zu bedienen.

Politisch sehe die Lage mindestens genauso katastrophal aus. Die Parteiorganisationen in den Provinzen existierten nicht mehr, Zentralkomitee und Regierung gäben keine Anweisungen heraus, und Parteichef Wojciech Jaruzelski habe sich in einen "unausgeglichenen Menschen verwandelt, der nicht mehr an seine eigene Kraft glaubt".

Verwundert nehmen die Moskauer Genossen zur Kenntnis, daß sich die polnische Führung noch immer nicht zur Einführung des Kriegsrechts entschlossen hat. Mit Verwunderung konstatieren sie auch, daß Jaruzelski allerdings für den Fall eines Falles Rückendeckung aus Moskau wünscht; zwar nicht direkt, sagt Geheimdienstchef Jurij Andropow, aber doch deutlich frage Jaruzelski nach einer sowjetischen Militärhilfe. Doch dazu scheint auf der Sitzung vom 10. Dezember 1981 kein einziges Politbüromitglied bereit. Im Gegenteil:

Jurij Andropow: Wir haben nicht vor, in Polen einzumarschieren. Dieser Standpunkt ist richtig, und wir sollten ihn bis zu Ende beibehalten. Ich weiß nicht, wie sich die Dinge in Polen entwickeln werden, aber selbst wenn sich Polen unter der Herrschaft von "Solidarność" befände, so ist das eine Sache. Wenn allerdings die kapitalistischen Staaten gegen die Sowjetunion auftreten – und sie haben schon entsprechende Verabredungen für verschiedene wirtschaftliche und politische Sanktionen getroffen –, dann wird eine sehr schwierige Situation entstehen.

Außenminister Andrej Gromyko: Wir können den Polen sagen, daß wir die Ereignisse mit Verständnis verfolgen. Das ist die treffendste Formulierung, und es gibt keinen Grund, sie zu verändern. Gleichzeitig müssen wir uns bemühen, die Erwartungen von Jaruzelski und anderen polnischen Führern zu dämpfen, daß wir einmarschieren. Es kann keinen Einmarsch in Polen geben. Ich denke, daß wir unserem Botschafter raten können, Jaruzelski zu besuchen und ihn darüber zu informieren.

Chefideologe Michail Suslow: Mir scheint, Jaruzelski zeigt eine gewisse Verschlagenheit. Mit Hilfe von Bitten an die Sowjetunion will er für sich ein Alibi schaffen. Diese Bitten können wir natürlich physisch nicht erfüllen, infolgedessen wird Jaruzelski später sagen, ich habe mich doch an die Sowjetunion um Hilfe gewandt, aber ich habe diese Hilfe nicht bekommen. Gleichzeitig erklären die Polen deutlich, daß sie gegen jeden Einmarsch sind. Im Falle eines Einmarsches werde es eine Katastrophe geben. Also glaube ich, wir sind hier alle einig, daß von einem Einmarsch gar keine Rede sein kann. (Zitiert nach der polnischen Übersetzung des Dokuments in Rzeczpospolita vom 27. August 1993.)