Von Helga Keßler

Jeder Waggon hat seinen eigenen Ofen. Deshalb hat jeder Waggon seinen eigenen Schaffner. Doch statt Kohle nachzuschippen, teilt der Decken aus. Nach dreizehn Stunden – so lange dauert die Fahrt von der ukrainischen Hauptstadt Kiew in die ganz im Westen gelegene Stadt Lviv – sind die Füße ohne Gefühl, die Lippen blau.

Die Ukraine spart ihre knappen Energievorräte, und alle frieren mit: die Touristen im Hotel oder Restaurant, die Bürger in ihren vier Wänden und der Bürgermeister im Rathaus von Lviv. Nachts sind nur noch wenige Straßen beleuchtet, was den immer zahlreicher werdenden Dieben das Geschäft erleichtert. Autos rollen kaum noch auf den Straßen: Gänse watscheln ungefährdet spazieren, auf den Grünstreifen der Autobahnen grasen Kühe. Busse und Straßenbahnen sind chronisch überfüllt.

Statt wirtschaftlichen Aufschwung brachte die Unabhängigkeit den "fortschreitenden Niedergang" in allen Bereichen. Auch die Einführung einer eigenen Währung ist mißglückt. Das billige, leicht fälschbare "Monopoly"-Geld verfällt schneller, als neues nachgedruckt werden kann.

Drei Tage hatte eine zehnköpfige Delegation aus der "Okometropole" Freiburg Zeit, um die schwierige Lage, in der sich die Menschen in der ukrainischen Partnerstadt Lviv befinden, wenigstens ansatzweise zu erahnen. Beim ersten offiziellen Termin fiel die Begrüßung frostig aus. "Seit zwei Jahren wird geredet, und wir sind keinen Schritt weitergekommen", polterte der stellvertretende Bürgermeister Roman Gavrilischin. Die Besucher aus Freiburg – unter ihnen drei Stadträte, der Umweltbürgermeister und zwei Mitarbeiter des Öko-Instituts – tauschten ratlose Blicke.

Schließlich haben die Freiburger nur Gutes im Sinn. Seit drei Jahren pflegt die mit 200 000 Einwohnern fünfmal kleinere, aber wesentlich wohlhabendere Stadt den Kontakt. Im Sinne der Völkerverständigung reisten Jugendliche, Künstler, Wissenschaftler, Sportler und Politiker von Ost nach West und umgekehrt. Die Freiburger erwiesen sich als echte Freunde in der Not. Hilfsgüter im Wert von 6,5 Millionen Mark, vor allem medizinische Geräte, Medikamente und Lebensmittel, wurden in Lastwagen von Baden in die Westukraine gekarrt. Ein Freiburger Verein will schon bald in Lviv eine Armenküche einrichten und täglich 500 Essen für "besonders Bedürftige" ausgeben. Doch die Spendenempfänger meldeten wiederholt den Wunsch nach einem Wandel der Hilfsleistungen an. "Hungern muß bei uns niemand", erklärte Lvivs Oberbürgermeister Wasil Schpitzer bei seinem Besuch in Freiburg im Februar vergangenen Jahres. Statt Lebensmittel wünsche man "Hilfe zur wirtschaftlichen Selbsthilfe".

Lviv entwickelte sich zur anspruchsvollsten der partnerschaftlich verbundenen Städte, von denen Freiburg immerhin acht aufweisen kann. Gleichwohl war man entschlossen zu helfen. Das ortsansässige Öko-Institut ersann das Projekt "Öko-Energie Lviv 2000". Hinter dem umständlichen Titel verbirgt sich ein Vorhaben, das das zentrale Problem der Ukraine anpacken will: die Energieversorgung. Seit sich die "Kornkammer" vor zwei Jahren aus der Sowjetunion gelöst hat, kürzt Nachbar Rußland seine Energielieferungen – bei Öl auf inzwischen ein Drittel, bei Gas sogar auf ein Fünftel der ursprünglichen Menge. Für die Ware verlangt Moskau Weltmarktpreise, wohl wissend, daß die ökonomische Situation in dem jungen Staat desolat ist.