ZEIT-Interview mit Strohe Talbott, dem außenpolitischen Berater Präsident Clintons, über die Nato und den Osten

ZEIT: Der russische Geheimdienstchef Jewgenij Primakov warnt davor, die Nato nach Osten hin zu erweitern. Bedeutet das, daß Rußland Präsident Bill Clintons Vorschlag, den Ländern Osteuropas eine "Partnerschaft für den Frieden" anzubieten, ablehnt?

Strohe Talbott: Das glaube ich nicht. Ich habe Außenminister Warren Christopher unlängst auf seiner Reise nach Moskau begleitet. Er wollte dort Präsident Boris Jelzin eingehend über den Vorschlag informieren, den Präsident Clinton im Januar dem Nato-Gipfel in Brüssel vorlegen will. Auf Jelzins Datscha in Sawidowo bei Moskau entwickelte Christopher den Plan einer Sicherheitsordnung in Europa für die Zeit nach dem Kalten Krieg und den Plan einer "Partnerschaft für den Frieden". Präsident Jelzins Reaktion war sehr positiv. Die Russen wollen ebenso wie die Ukrainer und die übrigen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, daß sie in die nächste Planungsphase der Nato – welche Regelungen auch immer für ihre Erweiterung anvisiert werden – einbezogen werden. Ihre Sicherheitsinteressen sollen berücksichtigt werden. Diese Einbeziehung ist ein Kernelement im Vorschlag Clintons, den er der Allianz vorlegen wird. Sie ist zugleich die Erklärung dafür, warum die russische Reaktion prinzipiell positiv ist.

ZEIT: Was ist mit Einbeziehung konkret gemeint? Bedeutet sie mehr als gemeinsame Konferenzen und Manöver?

Talbott: Wir sprechen hier über Dinge, die zur Zeit noch verhandelt werden zwischen den Vereinigten Staaten und den anderen Nato-Mitgliedern. Das Konzept gilt erst, wenn es vom Bündnis gebilligt worden ist. Vorgesehen ist ein Gebilde, das allen Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes – wie auch anderen europäischen Ländern – offensteht. Diese werden dann je nach Neigung und innerer oder regionaler Entwicklung Gelegenheit haben, an einer Vielfalt von Aktivitäten teilzunehmen, von gemeinsamen Manövern über die Herstellung größerer Transparenz über die jeweiligen Militärapparate bis zu friedenserhaltenden Einsätzen und dem Krisenmanagement.

ZEIT: Wird "Partnerschaft für den Frieden" mehr sein als ein Provisorium zur Neugestaltung der Beziehungen zwischen Nato und Osteuropa? Talbott: Es ist eine ganze Menge mehr. "Partnerschaft für den Frieden" ist erstens langfristiger angelegt und zweitens inhaltsreicher. Wir reden von einem Instrument, das uns hilft, mit den neuen Realitäten nach dem Kalten Krieg fertig zu werden. Das Ende des Kalten Krieges bietet große Chancen. Darin sind wir uns einig. Wir alle wissen, wie wunderbar es ist, daß der Eiserne Vorhang und die Berliner Mauer gefallen sind. Aber es gibt auch Schwierigkeiten. Regionale Spannungen haben zugenommen, ethnische Konflikte auch. Entsprechend wachsen die Anforderungen an staatsmännische Weisheit und an die kollektiven Sicherheitseinrichtungen. Das gilt für die Nato-Mitglieder genauso wie für die Staaten, die aus dem alten sowjetischen Imperium hervorgegangen sind. "Partnerschaft für den Frieden" ist der Versuch, rechtzeitig den Übergang von der Ära des Kalten Krieges zu einer stabilen, wie auch immer gearteten Struktur der Ära nach dem Kalten Krieg zu vollziehen. Wir müssen die Distanz zwischen Ost und West überbrücken.

ZEIT: Was verspricht Clinton jenen Ländern, die mehr fordern, nämlich die Mitgliedschaft in der Nato, also Ungarn, Polen, Tschechien?