In dieser Woche wird der Friedensnobelpreis verliehen: an den Schwarzen Nelson Mandela und an den Weißen Frederik W. de Klerk, für ihre Bemühungen, den Krieg der Rassen in Südafrika zu beenden. Aber die Vergangenheit will nicht vergehen. Die schwarzen Künstler und Intellektuellen können nicht vergessen, was ihnen dreihundert Jahre lang angetan wurde, und die weißen würden es gerne. "United Colours" sind (noch) eine Utopie

Von Bartholomäus Grill

Wer hat meinen Vater eingesperrt?" – "Das Gesetz." – "Wer macht das Gesetz?" – "Die Regierung, jetzt halte deinen Mund." Schlußstrich. Aus. Vorbei. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Mutter hat den Vater aus ihrem Leben gestrichen. Sie steht am Waschbrett und schrubbt die Vergangenheit weg wie billige Kernseife. Hör auf zu fragen, Junge, es gibt keine Antworten mehr.

Hlubi Nkululeko, der Vater, ist heimgekehrt. Erst war er im Widerstand, dann im Knast. Fünfzehn Jahre in einem Loch auf Robben Island, irgendwo neben Mandela, Die Ehefrau will ihn nicht mehr kennen. Der Sohn Mhlaba, sechzehn Jahre alt, kennt ihn noch nicht. Er will wissen, was war.

Mutter und Sohn, eine kahle Bühne, sechs Schwarze, zwei Weiße im Publikum. Es läuft das Stück "Confused Mhlaba" ("Der verwirrte Mhlaba"). Regie: Mzukizi Vela. Kein großer Name, keine großartige Inszenierung, Theater in der Township. Die acht Zuschauer haben sich verirrt. Sie finden sich im Kulturbetrieb Südafrikas genau dort wieder, wo Hlubi Nkululeko steht: Draußen vor der Tür. Nur der verstörte Sohn erwartet ihn, niemand sonst. Sein Platz ist besetzt, er bleibt allein mit sich und der Tyrannei der Erinnerung. "Dreihundert Jahre sind eine verdammt lange Zeit", murmelt Hlubi. Drei Jahrhunderte Unterdrückung, die letzten fünfzehn Jahre hat er Steine geklopft, weiße Steine.

Simon hat auch weiße Steine geklopft. Als er aus dem Gefängnis kam, stieg er nachts in die Schlafzimmer von Empangeni und schlug weiße Schädel ein. Simon, den Hammermörder, gab es wirklich. Er wurde 1985 gehängt. Hlubi ist nur eine Phantasiegestalt aus dem neuen Südafrika des Jahres 1993.

"Wir müssen das Buch der Geschichte schließen," sagt Frederik W. de Klerk, "sonst wird es keine Versöhnung geben." Wahrscheinlich hat der Wendepräsident recht: Wer Versöhnung will, muß verzeihen. Aber muß er auch vergessen? Kann er vergessen? Hlubi kann es nicht, denn die Welt, in die er zurückkehrt, hat sich radikal verändert und ist doch verdammt gleichgeblieben: Da sind immer noch die windschiefen Blechhütten in der Township, da herrschen Elend, Mord und Terror, und jeden Samstag werden die Särge dutzendweise in die rote Erde gesenkt. "Das ist unser Problem: Wir verstehen viel zuviel."