Von Gabriele von Arnim

MÜNCHEN. – Die Furcht vor der Nation geht um, weil der Nationalismus sich lüstern die Lippen leckt und Deutsches schmatzt. "Neue Patrioten" wimmeln als pangermanische Nachtmahre durch die Angstträume der chronisch Besorgten.

Angst und Beklemmung schützen zwar vor politischer Trägheit, die Frage ist aber, ob man sich nicht auch mit Vernunft fürchten kann, ob kühler Argwohn nicht angebrachter wäre.

Muß man die Nation in Ketten schlagen, um Nationalismus zu bändigen? "Ohne Nationalgefühl geht das alles nicht", hat Klaus von Dohnanyi im Hinblick auf die Schwierigkeiten der Wiedervereinigung gesagt. "Mach’s nicht noch mal, Deutschland", warnt Gunter Hofmann dagegen in dieser Zeitung, als beschwöre er eine Geliebte, nicht zur Hure zu werden.

Mir fehlt die Unerschütterlichkeit der einen Meinung.

Bloß nicht deutsch sein – so sind viele von uns Nach-Nazi-Kindern aufgewachsen. Wir wollten uns als Weltbürger fühlen. Der deutsche Paß war eher lästig. Mit unserer Identität hatte er nichts zu tun. Bloß nicht deutsch sein – das schien uns weltoffen und weit, dem engen Nationalverständnis eine Absage erteilend. Und es war doch auch ein Davonstehlen aus der eigenen Tradition und Verantwortung, ein Abwerfen der Bürde der ungeheuerlichen Vergangenheit. Deutschsein, Nationalgefühl, Patriotismus, das waren für eher Schneespenster, wenn nicht gar Schimpfwörter. Wir konnten uns gerade noch als Verfassungspatrioten verstehen, und das hatte nichts mit Deutschsein zu tun. Haben wir womöglich mit dieser Absage an Deutschland einen Teil unserer und auch der nächsten Generation ins Deutschtum getrieben? Manche warnen sei; langem vor der Gefahr, daß gelebte und geforderte "Deutschferne" sich in trotzigen Teutonenstolz verkehre. Sie fragen, wie wir andere Nationen respektieren können, wenn wir selbst keine sein wollen. Der Weg vom Selbsthaß zum Fremdenhaß schien ihnen vorgezeichnet.

Haben wir etwas falsch gemacht, weil wir endlich einmal alles richtig machen wollten? Jetzt jedenfalls sehen wir uns mit einem Nationalismus konfrontiert, der dieses Deutschland womöglich zernagt und verschluckt, bevor es überhaupt zur Nation werden konnte.