Von Klaus Bednarz

Aus der Flut der Memoiren- und Bekenntnisliteratur prominenter und weniger prominenter Angehöriger der einstigen Nomenklatura des Ostblocks ragen zwei Neuerscheinungen auf besondere Weise heraus: durch ihre äußerliche Unscheinbarkeit und eine geradezu wohltuende Zurücknahme der Autoren als Person. Um so gewichtiger jedoch, was beide mitzuteilen haben.

Rafael P. Fjodorow, Mitarbeiter des Russischen Unabhängigen Forschungsinstituts in Moskau, hat einen historisch-soziologischen Essay vorgelegt, dessen zentrale Aussagen auch nach dem Putsch vom Oktober 1993 nichts an Aktualität und Bedeutung verloren haben. Es ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der heutigen Befindlichkeit der russischen Gesellschaft, die mit vielen Illusionen aufräumt und einen deutlichen Kontrapunkt bildet zur bestsellerträchtigen Schönfärberei der Zukunftsperspektiven Rußlands.

Das Können der politischen Klasse Rußlands und die Effizienz seiner Machtelite, so Fjodorow, seien so gering geworden, daß die heute in Moskau agierenden Entscheidungsträger der geschichtlichen Anforderung, die sie sich aufbürden, nicht gerecht werden können. Gorbatschow und Jelzin stehen für den Zerfall der alten Ordnung, der Aufbau einer neuen wird von unbekannten Namen angeführt werden, einer "neuen Generation".

Scheinheilige Obrigkeitshörigkeit, gesellschaftliche und persönliche Unselbständigkeit, aber auch sozialer Neid und eine fortschreitende Depolitisierung der Bevölkerung erscheinen Fjodorow als die entscheidenden Hemmschuhe jeder Reformpolitik in Rußland. "Alles deutet darauf hin, daß die Frist bis zur Jahrtausendwende eine neue Zeit der Wirren, wie sie in der russischen Geschichte schon einige Male verzeichnet wurden, mit sich bringt."

Dabei, so Fjodorow, stellt sich weniger die Frage nach Demokratie oder Diktatur als die nach Zerfall oder Sammlung, Chaos oder Ordnung. "Ordnung, das ist das magische Wort... Wer es in Rußland politisch auf seine Fahne schreibt, der wird die Massen hinter sich haben."

Eindringlich warnt Fjodorow vor der Illusion, daß in Rußland ein dem Westen ähnliches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem entstehen werde. "Ein halbes Jahrtausend westeuropäischer Entwicklung vermag niemand in wenigen Jahrzehnten komprimiert nachzuholen." Vielmehr sehe alles danach aus, als warte Rußland auf einen "charismatischen Politiker", der der Mehrheit der russischen Bevölkerung das garantiert, wonach sie sich – allen soziologischen Umfragen zufolge – heute am meisten sehnt: Sicherheit, geregeltes Leben, bescheidener Wohlstand, Eigentum.