Von Jürg Laederach

Man könnte, noch ehe man ihn aufschlägt, eine Wette darüber abschließen, daß die Prosatexte auf der linken Seite dieses Bandes, welche jeweils Photos von Postkarten auf der gegenüberliegenden, rechten Seite bedichten, sämtliche Urteile schon enthalten, welche der Kritiker des Photokritikers (bezüglich des ganzen Buches) fällen möchte. Wilhelm Genazinos an die Bilder gerichtete Nachdenklichkeiten und Ausrufe sind zudem so attraktiv, daß man gerne fündig wird.

Auf Seite 9 steht ein Photo des Japaners Sadayoshi Shiotani mit dem Generalthema "überaus ruhiges Meer". Was verhindert eigentlich – so die zeitsparende Frage des Meta-Kritikers –, daß zum Beispiel Genazinos Shiotani-Urteil: "Wir haben in unserem Inneren eine offenkundig unklare (oder ungeklärte Instanz), die Gefallen an etwas finden kann, ohne diesen Gefallen zu erklären, und das heißt: versprachlichen zu können" – kurzerhand zum Urteil über den ganzen Bildband wird? Zunächst: An dem Urteil ist was dran, auch wenn es vom Autor selber stammt und ihm pflichtgemäß widersprochen werden müßte.

Das Gemeinsame der zweiunddreißig besprochenen Photos (von Edouard Bouba, Walker Evans, René Burri und anderen) läßt sich nicht leicht herausarbeiten; es handelt sich, bei etwelcher Abmilderung der beiden K-Wörter, um ein Kuriositäten-Kabinett, das ab und zu auch mit seiner Aufhebung, dem unverfänglichen Normalphoto, auftrumpfen darf. Keine Bildsensation ist so klein, daß die offenbar unendlich geschärfte Feder des Beobachters nicht noch eine Bemerkung zwischen Bild und Konsumenten schieben könnte.

Da sind einmal, durch einen mittelweit entfernten Fensterrahmen hindurch, ein Stück Meer und ein Dampfer zu sehen, welchen der Autor eines seiner Grundmotive nachschickt: Die Versprachlichung der Verbildlichung seiner Todessehnsucht, welcher durch die Photographie (welche doch, sollte man meinen, ein Hort größter Präzision sein sollte) eben gerade die Eindeutigkeit genommen wird; die Sehnsucht kann von der Lust, über die Bilder nur eine Seite kurz zu schreiben (und sich als Autor zugunsten des Gegenstandes auszulöschen), reichen bis zum unbändigen (aber grundsätzlich kaum ausgeführten) Willen, mittels des Kommentars bildflüchtig zu werden, das Photo klassischerweise zu funktionalisieren als Anstoß zu einer Erzählung, die dann selbstverständlich ihren Anstoß unterschlagen und als eigener Text stehen würde...

Auch die erotische Rückenansicht einer Schulterentblößten mit Halskettchen auf Gartenstuhl von schräg oben, vor welcher zwei abgeschnittene Fußpaare an einem Schlagschatten vorbeiwandern (Photo André Gelpke), reizt ihn, neben einer Kurzvorstellung, wie er ihr begegnet sein könnte, höchstens zu dem beherrschten: "Deswegen haben wir Grund, uns über die anonyme Flüchtigkeit einer Rückenansicht zu freuen: Ihre Unvollständigkeit erlaubt uns die Abschweifung, die erfindende Geschichte."

Die Erregungsfähigkeiten gerade dieses Photos könnten unter Umständen höher eingeschätzt werden; doch grau ist alle Theorie zur Frau. Zudem hat Genazinos allgemeine Betrachtungsweise etwas strikt Elegisches an sich, wodurch manchmal ein hochenergetisches Bild, wie das ein Brückengeländer durchstoßende und am Heck festgeklemmt über dem Fluß hängende Automobil, regelrecht heruntertransformiert wird, Statik und Stilleben dafür vor innerer Gespanntheit zu sirren anfangen.