Von Mario Müller

Die meisten Wirtschaftszweige darben in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit vor sich hin, die Banken aber peilen neue Gewinnrekorde an. Zwar bemühten sich die Vorstände der großen Geldhäuser, die Zahlen durch allerlei Bilanzkosmetik weniger glänzend erscheinen zu lassen, aber unter dem Strich werden am Jahresende erkleckliche Beträge stehen. Dies ist selbst den Managern peinlich. Wortreich versuchen sie, die hohen Erträge zu rechtfertigen und den Vorwurf zu entkräften, sie würden sich an der Krise schadlos halten. Doch bedenklich sind nicht die Gewinne selbst, sondern die Art und Weise, wie sie zustande kommen: Sie sind nicht Resultat besonderer Leistungsfähigkeit, sondern schlicht das Ergebnis eines unzureichenden Wettbewerbs.

Hohe Gewinne mögen zwar den Neid wecken und in diesen Zeiten auf Unverständnis stoßen. Doch allein der wirtschaftliche Erfolg kann kein Anlaß zur Kritik sein. Jürgen Sarrazin, Chef der Dresdner Bank, hat schon recht, wenn er fragt: "Sollen wir etwa auch Trauer tragen, nur um vor dem grauen Konjunkturhimmel nicht aufzufallen?" Tatsächlich würde eine Krise des Kreditgewerbes das allgemeine ökonomische Debakel noch verschärfen. Die Banken müssen sich aber gleichwohl die Frage gefallen lassen, wie sie ihre Gewinne erwirtschaftet haben.

Ein Teil der satten Erträge verdanken die Institute sicher dem Boom an der Börse. Daran ist nichts Verwerfliches, denn Geld und Kapital sind ihr Geschäft. Eher schon wäre ihnen ihre Zinspolitik anzukreiden. Zwar schrumpfen auch die Margen der Banken, also der Abstand zwischen Soll- und Habensätzen. Doch der Rückgang hätte erheblich deutlicher ausfallen müssen, wenn sie den Vorgaben der Bundesbank gefolgt wären. Die Zentralbank hatte den Leitzinsdiskont seit dem jüngsten Höchststand im Sommer vergangenen Jahres um drei Prozentpunkte reduziert, die Banken haben dagegen ihre Kreditzinsen weitaus bescheidener gesenkt. Dafür waren sie bei den Einlagen ganz fix und haben die Zinsen auf Festgeld und Sparkonten sehr schnell herabgesetzt. Die Institute haben also ihre niedrigeren Einstandskosten mit Verzögerung an die Kreditkunden weitergegeben und damit möglicherweise sogar die Wirtschaftskrise verlängert.

Die hohen Gewinne sind aber vor allem ein Zeichen dafür, daß der Wettbewerb im Finanzgewerbe nur unzureichend funktioniert. Dies gilt vor allem für das Geschäft mit Privatkunden. Die Mehrheit der deutschen Verbraucher ist, was ihre Bankverbindung betrifft, stockkonservativ, immobil und kaum preisbewußt. Sie hält, auch wenn sie sich über Service oder Konditionen beklagt, ihrer Hausbank die Treue, von der Wiege bis zur Bahre.

Mit diesem Pfund kann die Branche wunderbar wuchern und die Preise nahezu nach Belieben gestalten. Die Märkte sind weitgehend verteilt, Konkurrenzkampf findet höchstens noch um Minderjährige statt, die mit dem Angebot der kostenlosen Kontoführung in die Schalterhallen gelockt werden und sich später verwundert die Augen reiben, wenn sie dann für die Dienstleistung zahlen sollen.

Die fehlende Bereitschaft der Privatkunden, Kosten und Gebühren zu vergleichen und nötigenfalls die Bank zu wechseln, ist aber auch Folge einer undurchsichtigen Preispolitik der Banken. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Instituten läßt sich nur mit größter Mühe ziehen. Ein Haus, das im Zahlungsverkehr besonders günstig abschneidet, nimmt eventuell höhere Kreditzinsen und umgekehrt.