Von Petra Kipphoff

Immer hat mich dieses Bild neugierig und sehnsüchtig gemacht: zwei junge Herren in einer Art von Dschungel-Hütte, umgeben von Büchern, Papieren und wissenschaftlichen Geräten, von exotischen Früchten und Pflanzen. Überall liegt und steht etwas herum, und der neugierige Blick, der nicht alles enträtseln kann, wandert schließlich durch die offene Seite der Hütte an Palmen und Kakteen vorbei in die Weite und Höhe schneebedeckter Gipfel. Zwei Reisende aus Europa, und auf den im Vordergrund Sitzenden mit dem hellen Schopf, der kanarienvogelgelben Jacke, den graublauen Hosen und dem weißen, geöffneten Hemd fällt das helle Licht: Alexander von Humboldt.

Das schöne Bild, auf dem der sonst reichlich unbekannte Maler Eduard Ender Alexander von Humboldt, 31, mit seinem Mitarbeiter Aimé Bonpland in deren Dschungel-Laboratorium am Orinoco zeigt, beschreibt nicht nur eine Situation im Sommer des Jahres 1800, sondern charakterisiert einen Menschen und sein Werk: Nicht mit Präparaten und Zahlen im heimischen Labor sitzend, sondern am Ort seiner Neugierden und Forschungen hielt dieser Naturwissenschaftler sich auf, der zudem in der praktischen Zusammenarbeit oder Korrespondenz mit anderen Kollegen freigebig Erfahrungen austauschte und den Jüngeren oft mit Rat und Tat und Geld beiseite stand.

Die Stiftung, die 1860, schon ein Jahr nach Humboldts Tod, von seinen Freunden zur Unterstützung der "Naturforschung auf Reisen" gegründet wurde, die sich zweimal auflösen mußte, 1953 auf Anregung ehemaliger Stipendiaten neugegründet wurde und nun ihren vierzigsten Geburtstag feiert: Sie hat sich den Namen mit der gleichen weltoffen-selbstverständlichen Kompetenz verdient, die auch Humboldts Ruf als Forscher begründete. Und auch mit dem 1953 neu definierten Stiftungszweck wäre Humboldt zufrieden: Nicht mehr allein um deutsche Forschungsreisende geht es, sondern vor allem um die Förderung junger ausländischer Wissenschaftler, denen "ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Religion oder der Weltanschauung" durch Gewährung von Stipendien die Möglichkeit gegeben werden soll, ihre "wissenschaftliche Ausbildung durch einen Studienaufenthalt in Deutschland zu vertiefen". Rund 15 000 Wissenschaftler aus 120 Nationen sind in den vergangenen vierzig Jahren gefördert worden.

Die Bedingungen, unter denen diese Förderung geschieht, sind so sinnvoll wie unbürokratisch und präzise zugleich. Ausschüsse, die mit international renommierten Wissenschaftlern besetzt sind, prüfen die Anträge und entscheiden über die Auswahl. Wer von der Humboldt-Stiftung akzeptiert werden will, muß zwar die Promotion hinter sich haben, auch wissenschaftliche Veröffentlichungen, und mit einem Forschungsplan seinen Stipendienantrag begründen. Ansonsten aber ist nicht der Name gefragt, sondern das Talent. Aus dem Bestreben, diesem Talent auch wirklich eine Chance zu geben, kommt der zweite Stiftungslehrsatz: Qualität geht vor Quantität. Nicht mehr als maximal 500 oder 600 Wissenschaftler werden pro Jahr eingeladen, die sich während der ein bis zwei Jahre, die dieser Forschungsaufenthalt an selbst zu wählenden deutschen Universitäten und Instituten dauern kann, auch bis zu sechs Monaten frei in Europa forschend bewegen können. Und nur weil der Kreis dieser Stipendiaten relativ klein ist, funktioniert die intensive individuelle Betreuung (samt Sprachkurs und Familienzusammenführung), die bei Humboldts ebenso ernst genommen wird wie Fakten und Finanzen. Woraus sich wiederum die dritte exklusive Eigenart der Stiftung erklärt: Die Förderung hört nicht mit dem Ende des Stipendiums auf, sondern setzt sich in ständigen Kontakten und möglichen Nachfolgeaufenthalten fort.

Alles das ergibt dann die berühmte und wirkungsvolle Humboldt-Familie. Nicht auf gemalten Bildern, sondern auf Photos kann man sie, zeitgemäß und seit Alexanders Zeiten auf wunderbare und streng wissenschaftliche Weise zugleich vermehrt, sehen. Die Gruppenphotos sind in Bonn aufgenommen, wo die Stiftung ihr Haus gebaut hat (wie wäre es mit einem Umzug in die Humboldt-Stadt Berlin?), aber auch an der Chinesischen Mauer oder unter südamerikanischen Palmen. Denn ähnlich wie ihr Namenspatron reisen auch die Leitung der Humboldt-Stiftung und ihre Mitarbeiter gern und viel und mit guter Ausbeute. Mindestens fünf- bis sechsmal im Jahr besucht man ehemalige Stipendiaten in der Welt, informiert sich über ihre Tätigkeit, ihre Bedürfnisse, ihre Institute, hält durch diesen Dialog die Information auf dem neuesten Stand und hat dabei Gelegenheit, auch die nächste Generation zu entdecken. Humboldt, ein Netzwerk, von dessen Effizienz andere Institutionen nur träumen können.

Und das sind dann die Erfolge: Im Herbst, wenn die Nobelpreise regnen, ist sehr oft ein Humboldtianer dabei. Oder, und dieses Erfolgserlebnis ist erst neueren Datums: In jeder der neuen Regierungen Osteuropas sitzt zur Zeit ein Mitglied, das zur Humboldt-Familie gehört.