Von Reiner Scholz

Das Emil-Krause-Gymnasium heißt jetzt Lila-Pause-Schule, ihre Pausenhalle seit neuestem Punica-Oase. Im harten Wettbewerb mit dem benachbarten Bounty-Gymnasium und der Milky-Way-Schule um die Gunst der Eltern muß auch in diesem Jahr noch einmal die dringend notwendige Anschaffung des Französischbuchs verschoben werden. Die Käsefirma, ein Geldgeber, der nicht übersehen werden darf, hatte seinen diesjährigen Bildungszuschuß von der Einrichtung einer "Cuisine française" abhängig gemacht, was der Lila-Pause-Schule in der Lokalzeitung öffentliches Lob einbrachte.

Mit Panikgeschichten wie dieser, abgedruckt in einem Flugblatt des Deutschen Lehrerverbandes, wehrt sich die verunsicherte Lehrerschaft gegen Versuche, der Schule mehr Autonomie einzuräumen. Geht es nach den Reformern, soll die Schule nicht länger eine "Veranstaltung des Staates sein", wie es 1794 so schön und bis heute gültig im "Allgemeinen Preußischen Landrecht" festgelegt wurde. Angestrebt wird, sie zu einer möglichst eigenständigen Einrichtung mit eigener Lernprofilbildung, eigener Personalpolitik und eigenem Haushalt zu machen – und ihr damit auch die Möglichkeit zu geben, selbst Geld einzunehmen. Es sind "Autonomie"-Überlegungen, wie es sie längst auch für die Hochschulen gibt.

"Schule, wenn sie ‚gute Schule‘ sein will, ist gegenwärtig nicht mehr fähig, mit den heutigen Gesetzen, sprich Restriktionen und Einbindungen zu arbeiten", sagt Reinhard Hoffmann, Staatsrat für Bildung und Wissenschaft in Bremen. – "Wir sind ein schwerer Tanker", beschreibt Joachim Neuser, Pressesprecher des Kultusministers in Düsseldorf, das Schulsystem in Nordrhein-Westfalen. Er untertreibt. In seinen 7200 Filialen bestimmen 160 000 erwachsene Befehlsempfänger über 2,5 Millionen Schüler – und dies alles wird von einer Kommandobrücke aus gesteuert. Es ist ein Alptraum. Der Schuldirektor, an manchen Einrichtungen Herr über 2000 Menschen, ist vollständiger Laie in Fragen des Managements. Kommunikationspsychologie und Organisationswissenschaft sind ihm in der Regel fremd. "Management by running around", spottet der Dortmunder Schulforscher Hans-Günter Rolff über das daraus erwachsende, hemdsärmelige Krisenmanagement.

Jede mittelgroße Anschaffung, alle Stundentafeln, jeder Lerntakt (ob Dreiviertelstunden-Häppchen oder Epochenunterricht), jede Zuteilung von pädagogischem Personal, ja auch Unterrichtsausfall wird von "außerhalb" verwaltet. Heutige Lehre an den Staatsschulen sei "von gestern", stellten die von der Lehrergewerkschaft GEW beauftragten Industriesoziologen Ulrich Widmaier (Bochum) und Franz Lehner (Gelsenkirchen) fest. Der Schüler werde, wie weiland das Werkstück am Fließband, von Stunde zu Stunde weitergereicht von einem Fach zum nächsten. Jeder Lehrer bringe sein Spezialwissen an, arbeite aber mit anderen Kollegen nicht zusammen.

Dem veralteten, schwerfälligen System bleiben schon die Kunden weg. Immer mehr bildungsinteressierte Eltern schicken ihre Kinder zur Konkurrenz. Zwischen 1971 und 1991 stieg die Zahl der Privatschüler von 290 000 auf 427 000.

Das Etikett "Privatschule" ist nicht mehr mit einem Makel behaftet, im Gegenteil. Hier vermutet man Effizienz, Engagement und Überschaubarkeit. Staatliche Stellen, die Privatschulen früher nur äußerst ungern alimentierten, müssen umdenken. Nicht immer geschieht dies freiwillig. 1980 wollte sich eine "Freie Schule Kreuzberg" nach den Prinzipien der französischen Ecole Moderne etablieren. Der Berliner Senat für Schulwesen lehnte ab, 1986 gab das Bundesverwaltungsgericht ihm recht. Daraufhin riefen die Eltern das Bundesverfassungsgericht an. Vor einigen Wochen wiesen Deutschlands höchste Richter das Urteil an das Bundesverwaltungsgericht zur erneuten Überprüfung zurück. Eine private Schule sei schon dann zuzulassen, wenn sie eine "sinnvolle Alternative zum bestehenden öffentlichen und privaten Schulangebot" darstellte.