Von Benedikt Erenz

Moritz ist mir der liebste.

Heinrich Heine

Eigentlich wäre jetzt der Moment gekommen, mit unseren beiden Fanfaren-Herolden zur Seite vor das verehrte Publikum zu treten, um zum krönenden Abschluß des Jahres feierlich die neue Gesamtausgabe der Werke des Karl Philipp Moritz anzuzeigen, des Schriftstellers, Pädagogen, Psychologen, Philosophen, gestorben am 26. Juni vor genau zwei Jahrhunderten in Berlin, Münzstraße 10. Aber nichts da.

Einfach nichts da. Und das kam so: Zunächst, das heißt vor zwei, drei Jahren, war aus dem Deutschen Klassiker Verlag des Hauses Suhrkamp zu vernehmen gewesen, es werde pünktlich eine neue Ausgabe erscheinen, drei Bände. Dann war von zwei Bänden die Rede. Dann von gar keinem mehr. Statt dessen kleidete man, der Sommer rückte näher, klamm und heimlich die über zehn Jahre alte Insel-Kassette neu ein, drei Bände, die damals, bei ihrem ersten Erscheinen, sicherlich so etwas wie eine Pioniertat dargestellt hatten (nämlich die erste Moritz-Ausgabe überhaupt!), und war’s zufrieden. Inzwischen jedoch, und das enorme Echo zum Gedenktag hat es bewiesen, ist das Interesse an Moritz & Werk heftig angeschwollen und verlangt nach Besserem und mehr. Also beeilten sich die aufgeschreckten Suhrkamp-Kulturschaffenden denn auch, uns zu versichern, die neue Ausgabe sei keineswegs vergessen, sondern auf dem besten Weg... vielleicht schon 1995 oder 96... Allerdings nur in zwei Bänden. Das heißt: die neue Ausgabe wird, wenn es sie denn je geben sollte, weniger Moritz enthalten als die alte, jetzt gerade wieder frisch in die Regale gestellte Insel-Kassette! Unerforschliches Haus Suhrkamp – konfuser, dusseliger, kläglicher geht’s nimmer.

Aber siehe da, wir werden getröstet, ein bißchen. Wir werden getröstet mit einem wunderbaren Büchlein, das es seit zweihundert Jahren nicht mehr zu kaufen gab und das die wenigsten Bibliotheken noch unter ihren Schätzen hüten. "Allen wahren Freunden des Verstorbenen", des verstorbenen K. Ph. M. nämlich, ist es gewidmet, allen, welche "sein gutes Herz kannten" und "die Talente seines Geistes schätzten" – also, da sind wir dabei. Karl Friedrich Klischnig heißt der Verfasser, laut Eigenwerbung ein Freund des "Herrn Hofrath Moritz". Ursprünglich erschien sein biographisches Werk unter dem (Fang-)Titel "Anton Reiser... 5. und letzter Teil" – setzt Klischnig doch schlichten Sinnes den Helden von Moritz’ berühmtestem Buch mit dem Autor gleich und fährt nun arglos in dessen Lebensgeschichte fort.

Ein Mißverständnis, natürlich, denn wo Moritz mit dem Messer der Erinnerung sein Leben zerschneidet, um die Teile dann zu etwas Neuem zu fügen, zu der Kunstfigur Anton Reiser, da plaudert sich Klischnig anmutig-andächtig von Anekdote zu Anekdote. Und doch entfaltet selbst dieses kleine Medaillon im Stil der Zeit noch ein verblüffendes Bild des Inkommensurablen, des rätselhaften Mannes Moritz mit seiner ausschweifenden Neugier und selbstquälerischen Komplizierlust, das Bild des "Originalkopfs" – bizarr oft, skurril manchmal, ein wenig unheimlich immer in seinem Zwiespalt und seiner melancholischen Ruhelosigkeit.