Von Heinz-Günter Kemmer

Mit der ganzen Erfahrung seiner 66 Lebensjahre sagt Karl August Zimmermann: "Diese Krise ist die schlimmste, die es je gegeben hat." Der Vorsitzende des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute muß es wissen. Er hat über viele Jahre hinweg im Vorstand des Branchenführers Thyssen gesessen und das Auf und Ab der Stahlindustrie aus nächster Nähe erlebt und erlitten. Doch daß die Zahl der Beschäftigten innerhalb weniger Jahre um ein Drittel schrumpft, ist auch für ihn eine neue Erfahrung.

Aber es führt wohl kein Weg daran vorbei – die Stahlunternehmen werden sich bis Ende 1995 von rund 50 000 Arbeitnehmern trennen. Es gibt dann noch ganze 100 000 Beschäftigte. Und das ist weniger als ein Drittel des Standes von 1975 – damals waren 340 000 Menschen damit beschäftigt, Stahl herzustellen.

Dabei ist noch keineswegs sicher, daß "nur" 50 000 Arbeitsplätze verlorengehen. Denn wenn die Blütenträume der Aluminiumindustrie reifen, wird sie dem Stahl bei seinem wichtigsten Kunden Marktanteile abjagen: Aluminium soll Stahl im Karosseriebau verdrängen. Damit jedenfalls wirbt der norwegische Aluproduzent Hydro Aluminium in ganzseitigen Anzeigen für sein Produkt. Das Hauptargument: Aluminium ist leichter, und ein leichteres Auto verbraucht weniger Kraftstoff. Die Norweger leiten daraus eine kühne These ab: "Wenn Umweltverschmutzung den Autoverkehr zu stoppen droht, läßt Aluminium die Räder weiter rollen."

Zimmermann gibt sich da keinen Illusionen hin: "Das Aluminium", sagt er, "hat eine Verdrängungskampagne gegen den Werkstoff Stahl initiiert." Nun ist Aluminium im Auto keine Neuheit. Sechzig bis siebzig Kilogramm des leichten Werkstoffs enthalten die Fahrzeuge nach Angaben von Hydro Aluminium schon heute. Die Zylinderköpfe der Motoren bestehen vorwiegend aus Alu, bei Motorblöcken ist der Werkstoff keine Seltenheit mehr. Und die Modetorheit der Aluminiumfelgen grassiert geradezu.

Aber vor der Karosserie macht das Leichtmetall bis jetzt noch halt. Da, wo es um Festigkeit und damit auch um die Sicherheit der Insassen geht, dominiert immer noch der Stahl. Doch nun steht das erste deutsche Serienfahrzeug mit einer Aluminiumkarosserie vor der Tür: Audi wird im kommenden Jahr ein neues Flaggschiff auf den Markt bringen, dessen Karosserie ganz aus dem Leichtmetall bestehen wird.

Die VW-Tochter will mit einem "Quantensprung" den Image-Nachteil ausgleichen, der gegenüber BMW und Mercedes-Benz immer noch besteht. "Audi Aluminium Space Frame" heißt die Formel, mit der die Ingolstädter an die Spitze wollen. Bei vierzig Prozent weniger Gewicht, so preist Audi sein neues Produkt, biete die ASF-Karosse "eine höhere Steifigkeit, eine stabilere Fahrgastzelle und im Vorderwagen ein besseres Energieaufnahmepotential". Das soll heißen, daß die unbestrittene Gewichtsersparnis nicht zu Lasten der Sicherheit geht.