Harrys Kopf vorm Schreibtisch: schwarze Haare, nach hinten gestriegelt, ausrasiertes Kinn und knorpelsichtige Ohren. Lissy, schräg gegenüber, muß mit ihren Blicken an Harrys Kopf vorbei, wenn sie zum Fenster sieht. Was Lissy über Harry weiß: Er erlitt als Kind einen Schädelbasisbruch und läßt niemanden an seinen Kopf, vor Angst, das könnte so weh tun wie früher. Und wenn Harry von heute abend oder morgen abend spricht, scheint es Lissy, daß sich dann alles möglichst keimfrei und in Weiß abzuspielen habe und nichts zu nahe.

In der Kantine sitzen sie sich gegenüber. Kartoffeln, Fleisch und Gemüse liegen auf Harrys Teller ganz für sich, während Lissy mischt, und dabei hört sie hin und wieder, daß Harry in der U-Bahn immer steht und mit seiner Aktenmappe Zwischenräume schafft, falls es enger wird, und Rolltreppen breitbeinig ausfüllt, damit sich niemand an ihm vorbeidrängen kann. Seine Wohnung ist weiß gestrichen, und die Möbel sind so verteilt, daß er ohne auszuweichen an ihnen vorbeikommt.

Für Lissy ist Weiß die Farbe von Krankenhäusern und von Watte. Fast vierzig Jahre lebt sie schon, ihre Ehe dauerte neun Jahre, einmal mußte sie abtreiben. Aschblond ist sie, brünett möchte sie aber sein, nichts gegen die Beine, und in die Mundwinkel stiehlt sich immer ihr Lächeln, da sieht man hin.

Als sie sich ohne Händedruck trennten – Harry strich ihr zum Abschied jedesmal leicht über den Ärmel –, wurde Lissy ein paar Schritte weiter von einem Mann, der an ihr vorbeilief, zu Boden gestoßen und fiel der Länge nach hin. Und wer sich auch zu ihr drängte, Harry schob die Leute beiseite und griff zu. Er hielt sie noch im Stehen fest und rief eine Taxe, war mit Lissy zusammen dann in ihrem Badezimmer und saß nachher neben ihr auf der Couch, weiß im Gesicht, weiß wie seine Tapeten. Das war Mittwoch.

Lissy rief ihn Freitag abend an, nachdem im Büro alles wieder so gewesen war wie bisher, und sagte ihm, daß er aber zupacken könne und Kraft habe. Und Sonntag morgen rief sie Harry wieder an und erzählte ihm, was sie alles von ihm träumen könne, wenn sie nur wolle.

Dreimal die Woche telephonieren sie nachts miteinander. Harry ahnt, was Lissy mit ihm vorhat, und sagt ihr das auch, aber zu leise, und sie sagt ihm dann ganz deutlich noch viel mehr, spricht zuerst jedoch von Streicheln über seinen Kopf.

Wie lange das schon so ist? Erst mal geht es so weiter.