Sein letzter Bock blieb ihm versagt. Nach der zehrenden Hungerkur am idyllischen Tegernsee war der große Waid- und Staatsmann Franz Josef Strauß in die Schonung auf der Münchner Theresienwiese eingebrochen, um sich an einer Strecke Niederwild zu laben, drei oder vier extrakrossen Brathendln, aufgetragen von beinah ebenso reschen Mägden in landesüblicher Tracht. Endlich aber erscholl das Signal zur Hochjagd, dem bereits behaglich glänzenden Landesvater pochte freudig das Herz, ein freistaatlicher Helikopter schraubte den Churfürsten nach Norden auf die ausgedehnten Latifundien des Freundes Johannes Thurn und Taxis, wo der Landesfürst allerdings, kaum er durchlauchtigsten Waldboden betreten, vor Glück wohl und in banger Erwartung des Goldenen Schusses, statt des Bocks selber tödlich getroffen zusammensackte.

Seit jenem dunkelblauen Mond Oktober vor fünf Jahren bricht im Frei- und Jagdstaat Bayern die tradierte Feudalherrschaft zusehends auseinander. Abend ließ es der Herr werden über dem Voralpenland und wieder Morgen, und allmählich dämmert die Demokratie herauf über dem ehemals churfürstlichen Franzjosefinum. Was mußte der Thronfolger auch so saudumm sich ins ererbte Netz von Freundschaften verstricken! Selber schuld, wenn der Streibl einem weiteren Lieblingsjünger des Verblichenen Platz machen mußte. Vorbei, ach vorbei die schönen Tage, da man unter Amigos und brasilianischer Sonne die nächsten Abschüsse besprach und leidenschaftlich für den Technopark Isar Valley focht.

Der neue Jagdaufseher Edmund Stoiber duldet keinen Mißbrauch des edlen Waidhandwerks mehr. Auch der Bayerische Oberste Rechnungshof (ORH) hat schon die Witterung der neuen Windrichtung aufgenommen und verbellt auf seiner Pirsch ins Unterholz die merkwürdigsten kgl.bayr. Bräuche. Bürotagein und -aus zugestaubt mit Akten und Beschwerden und dem lästigen Parteiverkehr, zieht es den leitenden Dirigenten im Ministerium für Landwirtschaft und Forsten halt gern mal ins Grüne, wo er lodenberockt im dunklen Tann herumstrawanzt und das Wild daherschießt, gleich wie es ihm gefällt.

Wie im Leben ging auch bei diesen Exkursionen in Gottes erhabene Natur der eine oder andre Schuß daneben, verschlief sich der angeschossene Vierzehnender wohl auch mal im Gestrüpp. Da waren demütige Jagdgehilfen gefordert, die, wie der Rechnungshof recherchiert hat, gelegentlich bis zu 69 Nachsuchestunden abrechnen mußten, ehe der Wildschütz aus der Landeshauptstadt dem niedergebrachten Tier den Schnürschuh in den Nacken setzen konnte fürs Photo.

In einem Fall brauchte ein hoher Ministraler nicht weniger als 67 Führungsstunden, bis er seinen Hirschen vor die Büchse bekam. Die Süddeutsche Zeitung, dieses unverzichtbare Nachtsichtgerät bei allem bayerischen Dunkelmännertum, zitiert weiter aus dem Prüfbericht, der diesen Mittwoch dem Bayerischen Landtag zugeleitet wurde: "Die Trophäe wurde nach dem Bergen (drei Stunden) und dem Begutachten und Photographieren durch den Forstamtsleiter (zwei Stunden) vom Berufsjäger ausgekocht (vier Stunden) und bis zum Dienstsitz gebracht (193 km, fünf Stunden)." Der Hirschbraten mit Preiselbeeren hätte den Ministerialdirektor 14 000 Mark gekostet, aber wo kein Kassier ist, ist auch keine Zeche. Der treudoofe Untertan, vorzugsweise jener ohne Jagdschein, kommt für die Rechnung auf.

Diese Lastenumverteilung hat eine lange Tradition und wird deshalb noch immer hochgehalten in Bayern – obwohl da am Horizont wirklich ein demokratischer Silberstreif sein könnte. Wenn sich die Landesherren an krassen Hühnern gütlich tun und ihre nacheifernden Untergebenen nur den einen oder andern Bock schießen, statt sich, wie’s früher schöner Brauch, nach dem Gesetz der lauen Nacht über die eine und die andere Dorfschöne herzumachen, dann, ja dann gehen endlich auch in Bayern die Uhren anders. Willi Winkler