Von Marlies Menge

Wir sind im Restaurant in Haifa mit Arna Mer-Khamis verabredet, der israelischen Lehrerin, die sich um palästinensische Kinder in den besetzten Gebieten kümmert und dafür am 9. Dezember in Stockholm den alternativen Nobelpreis bekommt.

Sie läßt uns warten. Doch dann kommt sie, in Strickjacke, Pullover und Hose, die grauen Haare zum Pferdeschwanz zusammengeknotet, die jugendlich wachen, blauen Augen in seltsamem Widerspruch zur Haut, die zerfurcht ist wie bei alten Indianern. Sie stürzt auf uns zu, umarmt uns, als kenne sie uns ewig, hat nicht mal Zeit für einen Kaffee, will weiter. Tafeln, Buntstifte, Dominosteine packt sie in das Auto, mit dem wir in die Westbank fahren, zu den Kinderhäusern von Care and Learning, von ihr 1988 gegründet.

Ich war auf eine Frau eingestellt, die Juden und Araber auszusöhnen sucht, die unterstützt, was Politiker im Friedensvertrag vereinbarten. Doch da bin ich bei Arna Mer-Khamis an der falschen Adresse. An der grünen Grenze zur Westbank winken uns israelische Soldaten vorbei. Wir grüßen zurück. Arna herrscht uns an: "Die grüßen Sie bitte nicht, wenn ich dabei bin." Sie ist Jüdin, macht aber keinen Hehl aus der Abneigung gegen ihre Landsleute, in ihren Augen unrechtmäßige Besatzer Palästinas. Sie will "ein Land für zwei Völker", einen Staat, in dem Palästinenser und Israelis gleichberechtigt zusammenleben, und nicht, wie der Friedensvertrag es vorsieht, zwei Staaten: Israel und Palästina.

Wir fahren an einer Tankstelle vorbei: "Die betreiben arabische Kollaborateure. Dort tankt niemand." – "Und wovon leben sie?" – "Sie werden natürlich von Israelis bezahlt." Ich fühle mich unbehaglich, wie Deutsche sich eben in einer solchen Situation fühlen, die wissen, was Deutsche den Juden angetan haben, und die deshalb eher zur anderen Einseitigkeit neigen. Als hätte sie meine Gedanken erraten: "Ich bin weder proarabisch noch proisraelisch. Ich bin dafür, daß Menschen in Frieden und Freiheit leben. Das ist mein einziges Pro, sonst bin ich anti."

Ihre Familie stammt aus Litauen. Der Vater studierte in Heidelberg und Neapel Medizin, bekämpfte später in Palästina die Malaria: "Er war Internationalist, Humanist und Marxist." Arna wurde 1930 im damaligen Palästina geboren, das von Engländern besetzt war. Sie studierte am Jerusalemer Lehrerseminar. 1948, im Jahr der Gründung Israels, begann sie zu unterrichten. Nach einem Jahr wurde sie entlassen, durfte 23 Jahre nicht lehren. Der Grund: Sie war 1949 in die illegale kommunistische Partei eingetreten: "Rußland war unser zweites Vaterland. Es hat gegen die Faschisten gekämpft. Die gesamte Familie meiner Mutter wurde Opfer des Holocaust. 1953 heiratete ich, einen Araber und Kommunisten, für die Israelis auch das kriminell." Der jüngste der drei Söhne ist inzwischen 34 Jahre alt: "Lauter Anarchisten." Und fast stolz erzählt sie, daß sie zweimal festgenommen und drei Jahre im Gefängnis war.

Wir parken das Auto am Rande der Stadt Jenin an einer Tankstelle. Arna zündet sich eine Zigarette an: "Das hier ist eine freundliche Tankstelle. Hier explodiert nichts." Im Auto eines jungen Arabers fahren wir in ein palästinensisches Flüchtlingslager, das sich äußerlich von keiner normalen Stadt unterscheidet, mit Straßen und festen Häusern. Sie freut sich: "Hier fühle ich mich zu Hause." Wir steigen eine Treppe hoch: "Die arabischen Besitzer des Hauses haben uns erlaubt, ein Stockwerk draufzubauen, für Care and Learning. Wir haben Geld gesammelt und einen Kredit aufgenommen. Und dann kriegten wir den Preis!"