Von Reiner Stach

Wie wird man genial? – Ganz dumme Frage, antwortet das 19. Jahrhundert; als Genie wird man entweder geboren, oder man erlangt diese Weihen nimmermehr, und am allerwenigsten durch Fleiß und Übung. Genie zeigt sich spontan, unvorhersagbar wie das Geäder des Blitzes.

Wer solches heute noch im Ernst behauptete, würde sich diskreditieren. Der romantische Geniebegriff, ursprünglich eine emanzipatorische, wenngleich unpolitische Parole, wurde von Generationen von Deutschlehrern systematisch verschlissen und hatte spätestens nach dem Ersten Weltkrieg jegliche Substanz eingebüßt. Die sozialpsychologisch durchtränkte Sprache der Gegenwart ließ ihn dann vollends zum Kulturmüll absinken.

Doch hat die Vorstellung einer elementaren und völlig eigengesetzlichen geistigen Potenz eine geheime Attraktivität bewahrt, und zumindest im Bereich der Literatur drängt sie sich in einer Vielzahl von Fällen nach wie vor auf. Denn die großen Autoren scheinen sich gleichsam "aus dem Stand" auf eine Ebene der sprachlichen Technik und des Ausdrucksvermögens zu schwingen, von der auch die erfolgreichsten Teilnehmer von Creativewriting-Kursen nur träumen können. Das literarische Schreiben ist eine hochdifferenzierte Kulturtechnik, und dennoch scheinen diese Menschen zum Schreiben geboren. Musils erste Publikation, der "Törless", ist Weltliteratur. Die Sprache von Achmatowa und Aichinger scheint schwerelos schon mit dem ersten Federstrich. Nicht zu reden von den Gymnasiasten Rimbaud, Hofmannsthal und Brecht.

Freilich, schon der zweite Blick belehrt darüber, daß diese Unvermitteltheit ideologischer Schein ist, den die Literatur zwangsläufig selber produziert. Jeder Autor, auch der "früh Vollendete", durchläuft eine Phase der Initiation, in der er sich von ersten Vorbildern löst und an eine eigene Sprache herantastet. Doch wird er fast stets zu verhindern wissen, daß diese zumeist peinlich epigonalen Versuche in die Hände des Publikums oder gar der Philologie geraten. Flaubert und Kafka haben bereits als Kinder geschrieben – davon ist bei ersterem wenig, bei letzterem gar nichts erhalten. In der Regel bleiben uns diese Laboratorien verschlossen.

Doch nun ist eine exorbitante Ausnahme zu vermelden: Hans Henny Jahnns "Frühe Schriften", erschienen als neunter Band der kommentierten "Hamburger Ausgabe", bieten die nahezu vollständige Dokumentation einer literarischen Geburt – einer schmerzvollen, blutigen Geburt, die dem Leser einiges an Geduld und Empathie abverlangt. Mehr als einmal hat der Autor des Jahrhundertromans "Fluß ohne Ufer" versichert, er habe zwar in seiner Jugendzeit, die er in Stellingen bei Hamburg verbrachte, quantitativ mehr produziert als in den gesamten vierzig Jahren danach; doch glücklicherweise habe er diese "meterhohen Stapel von Heften", die "kaum Dichterisches enthalten haben können", rechtzeitig vernichtet. Eine der zahlreichen Selbstmystifizierungen Jahnns, wie wir seit langem wissen. Denn die Durchsicht des Nachlasses und der Vergleich mit einem eigenhändigen frühen Werkverzeichnis ließen erkennen, daß er nahezu jedes Blatt aufbewahrt und über zwei Emigrationen gerettet hat, das mit seinem schriftstellerischen Schaffen in irgendeinem Zusammenhang stand. Lediglich zwei Romane des Vierzehnjährigen, offenbar die ersten literarischen Versuche überhaupt, müssen als verloren gelten.

Der Herausgeber konnte also aus dem vollen schöpfen. Vollständig abgedruckt wurden die – bereits in Auszügen publizierten – Tagebücher der Jahre 1912 bis 1917 sowie die frühen Versuche in Prosa. Aus den etwa zwanzig erhaltenen Dramen, mit denen man nach Ulrich Bitz "einen eigenen Band gleichen Umfangs" hätte füllen können, wurde vernünftigerweise eine Auswahl getroffen, wobei der Leser anhand von ausführlichen Inhaltsangaben das Fehlende sich zumindest skizzenhaft vergegenwärtigen kann – durchaus keine editorische Selbstverständlichkeit. Beigegeben ist überdies eine Anzahl von Schulaufsätzen, an denen sich verfolgen läßt, wie früh schon Jahnn die institutionalisierte Bildungssprache samt Orthographie und Grammatik glaubte hinter sich lassen zu können.