... Eduard Hanslick: Aus meinem Leben (Bärenreiter Verlag, Kassel 1987; 528 S., 55,– DM). Die Beschäftigung mit dem unerschöpflichen Werk Richard Wagners bringt es zwangsläufig mit sich, daß man immer wieder auf Eduard Hanslick stößt. Wer das war, den der alte Verdi vor hundert Jahren den "Bismarck der Musikkritik" nannte und der die Gegenposition zur Wagnerschen "Zukunftsmusik" formulierte? Seitdem seine 1894 erschienenen Memoiren neu aufgelegt worden sind, standen sie auf meiner Lesevorratsliste.

Der Lebensbericht vom "bedeutendsten und einflußreichsten Musikkritiker des 19. Jahrhunderts", so Herausgeber Peter Wapnewski über Hanslick, den promovierten Juristen und gelernten Musiker aus Prag, der in Wien die Musikästhetik als Wissenschaft etablierte, ist mehr als eine der unzähligen Quellen zu Wagner. Die Memoiren eröffnen weite Blicke auf das 19. Jahrhundert Europas aus der Beschreibung eines Bildungsbürgers, der diese Charakterisierung im eigentlichen Sinne noch verdient.

Hanslick hätte sicherlich eine "lebensakzentuierende Beziehung" zu Wagner bestritten, wie sie in unseren Tagen Wapnewski konstatiert. Aus der Fülle der anschaulich und witzig geschilderten Beziehungen und Begegnungen mit nahezu allen musikalischen und literarischen Größen seiner Zeit, ragt der "Fall Wagner" deshalb heraus, weil es ihn immer noch gibt, weil manches daran nach mehr als hundert Jahren kaum anders formuliert wird, weil seine Beschreibung durch Hanslick partiell noch immer zutrifft.

Darüber hinaus: Das 19. Jahrhundert ist der Humus, aus dem heute Kraut und Unkraut wachsen; eine persönliche Geschichte (Hanslick lebte von 1825 bis 1904) macht seine bis in unsere Gegenwart reichenden Brüche in manchem anschaulicher als ein historiographisches Werk. Der k.u.k. Österreicher, der sein heimatliches Prag als so deutsch wie sich selber sieht, der erfahrene und vorurteilsfreie Europareisende, dessen Toleranz bei Wagners Antisemitismus entschieden endet, bejubelt die Erfüllung seines Knabenwunsches, als Bismarck das Elsaß dem neuen Reich einverleibt – nur vier Jahre, nachdem Hanslick Königgrätz nah erlebt hat...