Von Eckhard Roelcke

Ein Mann, der sein Leben lang am Abgrund spazierengeht. Der Blick schweift in die Ferne und erspäht unvorstellbare Schönheit. Die Luft ist klar, die Sphären tönen, der Himmel ist nah. Nur ein Schritt nach vorne. Der freie Fall für Sekunden, schnell dem Tod entgegenschweben und in den Himmel kommen zu den Engeln zwischen den Wolken, zur Mutter und zu all den Freunden: den Reinen und Schönen, zu Parsifal und Adonis.

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Drei Frauen nehmen Abschied vom Leben. Sie singen eine Litanei in einer erfundenen Sprache. Drei andere Frauenstimmen, "wie Schatten", antworten, ergänzen, kommentieren den Gesang. Plötzlich ist noch eine Frauenstimme ganz deutlich zu vernehmen. Sie ruft dazwischen und will sich Gehör verschaffen: "Ich wollte etwas sagen. Ich weiß aber nicht mehr, was ich sagen wollte. Vielleicht war es wichtig."

Diese Stimme, schrieb Claude Vivier in einem Kommentar zu seiner Komposition "Chants", sei seine eigene. Ein Komponist, der durch seine Musik ganz direkt spricht und daraus auch kein Hehl macht; der in fast allen seinen Werken die Grenze zwischen dem lichten Leben und dem schönen Tod sucht, dort, wo es ganz tief hinuntergeht und wo man den besten Blick hat. Vivier war ein Unbehauster, der seine Eltern nicht kannte und daran litt. "Ich denke (beim Komponieren) nicht an die Zukunft oder Vergangenheit, sondern an die verlorene Gegenwart, an eine unbegreifliche Freude und an die Traurigkeit eines Kindes, das seine Mutter verloren hat."

"Ich wollte etwas sagen... Vielleicht war es wichtig" – hilflos wiederholt die Frauenstimme in "Chants" diese Sätze und verkürzt sie immer mehr, bis nur noch "Ich wollte" übrigbleibt. Vivier verstummt – oder rettet sich in eine kindliche Phantasiesprache, weil die wirkliche Sprache, Französisch, Englisch, Deutsch oder das Kirchenlatein, keine Rettung ist.

Claude Vivier lebte bis zu seinem 35. Lebensjahr, wie ein junger Komponist eben so lebt, mit dem üblichen Auf und Ab. 1948 in Montreal geboren, studiert er am Musikkonservatorium seiner Heimatstadt Komposition. 1971 erhält er ein Stipendium und geht für ein Jahr nach Utrecht zu Gottfried Michael Koenig ans Institut für Sonologie. 1972 nimmt ihn Karlheinz Stockhausen in seine Kompositionsklasse auf. Zwei Jahre später verläßt er Köln, kehrt nach Kanada zurück und lehrt an der Universität von Ottawa. Er bekommt Aufträge und Auszeichnungen und 1982 abermals ein Stipendium. Vivier zieht nach Paris, um dort eine Oper über den Tod Peter Tschaikowskys zu schreiben.