Von Monika Putschögl

Schon seit morgens um vier Uhr ist Steve auf den Beinen. Das Mobiltelephon immer griffbereit in der Hosentasche, pendelt er mit seinem kleinen Track zwischen Packhaus und Plantagen. Als Field Operations Manager trägt der langmähnige junge Mann mit der Statur eines Sportstudenten die Verantwortung dafür, daß auch heute wieder die Gangs rechtzeitig auf den Obstplantagen sind, um die Früchte zu pflücken, deren Zuckergehalt auf den Punkt gekommen ist. Die Erntezeit währt nur fünf Wochen zwischen Ende April und Anfang Juni, dann müssen die Früchtchen mit der rauhen braunen Schale und dem grünen Herzen im Kasten und im Kühlhaus sein. Fast 200 000 Tonnen.

In 3200 orchards, Obstgärten, werden, in Neuseeland Kiwis angebaut, der Großteil der Anbauflächen konzentriert auf den Distrikt Tauranga in der Bay of Plenty, der Bucht der Überfülle, auf der Nordinsel. Dort fällt kein Schnee, und Frost ist selten, das milde Klima und der fruchtbare Vulkanboden lassen die Frucht gedeihen, die einen Siegeszug sondergleichen hinter sich hat. Als sie noch Chinese gooseberry hieß, interessierte sich kaum einer für die unscheinbare chinesische Stachelbeere, gerade als Zierstrauch war die Pflanze Europäern gut. 1905 kamen die Samen aus China, der ursprünglichen Kiwiheimat, nach Neuseeland. Um 1924 mendelte Hayward Wright die Sorte heraus, die nun nach ihm "Hayward" heißt und heute in aller Munde ist. 1952 wurden die ersten Früchte nach Großbritannien geschickt und schmeckten auch noch nach der langen Schiffsreise.

Allein der Name war der weiteren Verbreitung nicht eben förderlich. 1959 kreierte ein Exporteur die neue Bezeichnung, um gleich auch klarzustellen, woher das exotische Ding kommt. Kiwi heißt der scheue Nachtvogel mit dem langen spitzen Schnabel und dem puscheligen Federkleid, ein Ureinwohner Neuseelands, das Nationaltier. Nach ihm benennen sich auch scherzhaft die Leute, die am anderen Ende der Welt leben, als Kiwis. Durch eine intensive Marketing-Kampagne aber wurde der Name zum Begriff für die fingerlange, ovale Frucht mit dem frischgrün schimmernden Fleisch und dem süßherben Geschmack.

Ein Obst im Stil der neuen Zeit: jung, schlank, ein bißchen extravagant, fitneßfördernd – und so gesund. Die Kiwi enthält mehr Vitamin C als Orangen und Zitronen, sie enthält Vitamin E und fast soviel Kalium wie die Banane, liefert Ballaststoffe und kommt dabei nur auf 61 Kalorien pro 100 Gramm, der ideale Muntermacher, die Frucht für jede Tageszeit vom Frühstück bis zum Mitternachtsbuffet.

Die Nouvelle-cuisine-Köche dekorierten ihre Arrangements mit dem saftigen Grün, bald mischte sich die Kiwi in den Obstsalat, schmolz als Sorbet und Eis dahin, verschönerte Rehrücken wie Käsetorte. Der Kiwikonsum stieg Jahr für Jahr schwindelerregend in die Höhe. Aus den Delikateßgeschäften wechselte die Frucht, volkstümlich geworden, zu Edeka und Aldi.

Der Morgen ist kühl, der Tau netzt noch die Wiesen. Am anderen Ende der Erde haben wir Spätherbst im Mai. Steve freut sich, daß es nicht regnet. An trockenen Tagen kann er, kaum ist es hell, schon um 7.30 Uhr seine Gangs losschicken. Eine Gang, das sind achtzehn fast ausschließlich männliche Pflücker jeder Altersgruppe. Eine Gang braucht drei Tage, um einen durchschnittlichen Garten leerzuernten. Sie schafft 400 bins, das sind riesige Holzkisten, die 385 Kilogramm fassen. Ein Mann, ein bin, eine Stunde lautet die Rechnung. Setzt man das Durchschnittsgewicht einer Frucht mit 110 Gramm an, muß ein Pflücker stündlich 3500 Stück Obst von den Zweigen holen.