Von Freddie Röckenhaus

Mein Freund hat letzten Sommer mit Frank Zappa auf einem großen Frankfurter Ledersofa gesessen. Frank (wir nennen dich Frank, denn du bist auch ein Freund, und niemand hat das Recht, dich in diesem Moment einfach Zappa zu nennen), Frank also hat die Proben des Modern Ensemble für seine Komposition "Der gelbe Hai" dirigiert. Im Sitzen. Er hat ununterbrochen seine Witze gemacht, geflachst, seinen üblichen Zynismus ausgewrungen. Und ab und zu, erzählt mein Freund, seien Frank die Tränen in die Augen geschossen. Er sei dann kurz auf die Toilette und habe etwas gegen die Schmerzen genommen, sei wiedergekommen und habe weitergealbert und weiterdirigiert. Im Sitzen.

Frank Zappa wäre der letzte, über den man so eine rührselige Begebenheit erzählen würde – und deswegen sollten wir es an dieser Stelle tun. Es besteht nämlich die Gefahr, daß beim Popkultur-Durchschnittsverbraucher von Frank Zappa kaum mehr übrigbliebe als die eine Seite des Mannes – als das berühmte Poster, das als Ikone des Freaktums die Jugendzimmer und WG-Küchen der Siebziger dekorierte: Frank sitzt da, die Hosen auf Halbmast, mit zotteliger Mähne auf dem Klosett und raucht sich eine. Und dann war da noch diese goldene Schallplatte für den Hitsong "Bobby Brown", den die Puristen dir übel genommen haben, weil alle Kids in den Diskos dazu tanzen konnten (sie nehmen es immer übel, wenn man zu etwas tanzen kann). Mit jener mit samten-sonorer Stimme gesäuselten Textzeile, die vielen als Lebensmotto dient: "You can kiss my heini." Im Langenscheidt steht nicht, wie man heini schreibt, aber wir wissen, wen du gemeint hast, alter Schlawiner.

Popmusik sei die direkteste Demokratie der Welt, hat Frank Zappa einmal gesagt. Und er hat damit auch gemeint, daß er selbst nie mehrheitsfähig war. Frank hat in den letzten 28 Jahren ungefähr 59 Alben herausgebracht, seit er die "Mothers of Invention" gegründet hatte (und gleich mit einem Doppelalbum debütiert). Aber für einen der angesehensten Popmusiker, dessen Einfluß man nur mit Jimi Hendrix und den Beatles vergleichen kann, sind ein Hit und ein Poster ziemlich wenig. Die Fangemeinde hat natürlich Kollektionen angesammelt. Und doch: Ganz so populär war deine Musik eben nicht, Frank. Man liebt keine Zyniker. Man achtet sie, aber man liebt sie nicht. Grace Slick, von der Hippieband Jefferson Airplane, hat dich mal so charakterisiert: "Er ist das intelligenteste Arschloch, das ich je getroffen habe."

Und außerdem ist deine Musik viel zu oft in einen unglaublichen Krach umgeschlagen, den selbst Kenner des freiesten Free Jazz als Krach identifizierten. Aber Frank-Zappa-Fans fanden es zum Brüllen lustig und zugleich hoch politisch.

Frank hat sich trotzdem lange als Popmusiker gesehen. Pop ist Marketing. Aber Frank Zappa hat sich zugleich immer über die Gesetze des Marktes lustig gemacht. So etwas geht nicht gut. Die Leute wollen wissen, woran sie sind. Wer die Ironie in eine populäre Kunst einführt, wer die Gitarre so fuiiitschingtooinnggt wie du, Frank, wer Rock, Pop, Folk und Jazz ("Er ist nicht tot, aber er riecht komisch") auf seinen Platten zersägt und ihre Bestandteile gleichzeitig virtuos für seine Zwecke verwendet, wer gleichzeitig behauptet, die Politik sei "die Unterhaltungsabteilung der Industrie" und "der Kapitalismus" sei die beste Staatsform, der ist nun mal nicht mehrheitsfähig.

Frank Zappa ist ein verdammter Zyniker gewesen. Aber erstens: Was soll man sonst sein? Und zweitens, wie mein Freund sagt, ist jeder Zyniker im Grunde auch ein trauriger Mensch. Wer seine eigene Plattenfirma Barking Pumpkin Records (Bellende-Kürbisse-Records) nennt, geht leicht als Clown durch. Aber wer dann anfängt, klassische Musik zu komponieren ("Ich habe das Komponieren mit Hilfe eines Buches gelernt"), die höchst kunstvoll an Igor Strawinsky oder Edgar Varese gemahnt, der geht nicht mal mehr als Clown durch.