Die erste Station meiner Reise durch den Norden Polens ist Bartoszyce. Heute sind es von hier nur ein paar Kilometer bis zur russischen Grenze. Früher lag die Kleinstadt im Herzen Ostpreußens und hieß Bartenstein. In diesem Jahr veranstaltete die in der Bundesrepublik gegründete Kreisgemeinschaft Bartenstein ihr alljährliches Treffen zum ersten Mal in der alten Heimat. Die Wiederbegegnung mit der eigenen Vergangenheit läßt keinen der rund dreißig Teilnehmer unberührt. Erinnerungen leben wieder auf, Ansichtskarten aus der Vorkriegszeit werden herumgezeigt. Beim Gottesdienst in der überfüllten Johanniskirche kämpft manch einer mit den Tränen, wurde er doch vor Jahren in ebendieser Kirche getauft oder konfirmiert.

Die Besucher sind jedoch auch gekommen, um sich auf die polnische Gegenwart einzulassen. Sie hoffen dabei auf die Unterstützung der deutschen Minderheit im Kreis Bartoszyce. Aber von den rund 200 Menschen, die ihr angehören sollen, läßt sich kaum jemand bei ihrem Treffen blicken.

Kontakte zur polnischen Bevölkerung werden bei einem Tanzabend geknüpft Die Deutschen sind mit einem Dutzend Mädchen und Jungen angereist, die in blauweißen Trachten masurische und memelländische Volkstänze vorführen. Dann tanzen junge Polen Walzer, Foxtrott und Tango; die Kleider der Mädchen funkeln nur so vor Straß und Pailletten. "Vor einiger Zeit haben wir Eltern einen Gesellschaftstanzlehrer für unsere Kinder engagiert und ihnen auch die Kostüme selbst genäht", erzählt eine Mutter nicht ohne Stolz, der Volkstanz hingegen werde in Bartoszyce nicht mehr gepflegt, seit die Staatsgüter die Zuschüsse gestrichen hätten.

Mit dem Linienbus fahre ich nach Masuren, eingepfercht zwischen abgearbeitet aussehenden Menschen mit prallgefüllten Markttaschen, lärmenden Schulkindern und jungen Frauen, die sich für die Fahrt in die Kreisstadt herausgeputzt haben. Scheinbar endlos führt der Weg durch schmale, von Linden überdachte Alleen. Kaum jemals kommt uns ein Fahrzeug entgegen.

Was würde aus diesem zärtlich-verträumten Land werden, wenn die Deutschen hier in großem Stil investierten? Und was aus der offenbar bestens eingespielten Art der Bezahlung im Bus"? Nur ein Teil der Passagiere kauft bei Fahrtantritt ein Billett. Die anderen werfen beim Aussteigen ein paar Zlotyscheine in eine offene Zigarrenkiste, deren Inhalt der Fahrer immer wieder sorgsam in seiner Hosentasche verstaut.

Mikolajki (Nikolajken) liegt am Zusammenfluß zweier malerischer Seen, an denen Masuren so reich ist. Ein Fleckchen zum Verlieben. So empfand es auch Frank Dombrowski, als er vor zwei Jahren zum ersten Mal hierherkam. Kurz entschlossen bewarb sich der gebürtige Königsberger, der zuvor lange in Frankreich unterrichtet hatte, beim polnischen Staat um die vakante Stelle des Deutschlehrers am Gymnasium von Mikolajki. Das Interesse an seinem Sprachunterricht erwies sich als so groß, daß sein wöchentliches Pensum mittlerweile auf 42 Stunden angeschwollen ist. Auch anderer Sorgen seiner Mitbürger nahm sich Frank Dombrowski bereitwillig an, gehört es doch zu seinem Selbstverständnis, nicht ständig auf die Hilfe des Staates zu warten, sondern Probleme durch Initiative und Teamarbeit zu lösen. In der Zwischenzeit hat er unter anderem ein Reisebüro und einen Tennisklub mitgegründet sowie einen Austausch zwischen Schülern aus Mikolajki, Lübeck und Viernheim auf privater Basis organisiert

Viele der 3500 Einwohner von Mikolajki hoffen auf die Ankurbelung des Tourismus. Überall werden Dachgeschosse zu Fremdenzimmern ausgebaut. Polen jedoch, die im Schnitt umgerechnet nur 300 bis 400 Mark im Monat zur Verfügung haben, können sich die Privatquartiere für zwanzig bis dreißig Mark pro Nacht kaum leisten. Deutsche stellen fast ein Drittel der Urlauber in der Region. Doch es sind fast ausschließlich Heimwehtouristen, die als Gruppen in Bussen von Hotel zu Hotel reisen, oder Jugendliche, für die Zeltlager organisiert werden.