Ein Photograph erzählt seine Lebensgeschichte in Bildern. Nach einem knappen und wohltuend uneitlen Vorwort des Autors folgen 284 Photos aus mehr als fünf Jahrzehnten, die sich zu einer der anregendsten Autobiographien der letzten Zeit fügen und dabei keiner Chronologie folgen. "Ich habe nicht ,chronologisch‘ gelebt" erklärt der siebzigjährige Richard Avedon und beschränkt sich bei der Bildauswahl auch nicht auf die bekannten Highlights seiner Karriere.

Der opulente Bildband (Richard Avedon: "An Autobiography"; Schirmer/Mosel Verlag, München 1993, 432 S., Abb., 198,– DM) enthält zwar auch einige der wegweisenden Modephotos und die berühmt gewordenen Portraits von Genet, Warhol, Cocteau, Duchamp, Marilyn Monroe und anderen Prominenten, doch daneben stehen weitgehend unbekannte Bilder aus einer Welt ohne Glamour: Aufnahmen aus einer Nervenklinik in Louisiana, Bilder aus sizilianischen Katakomben und von Napalm-Opfern in Vietnam. In der Zusammenstellung stoßen die Aufnahmen hart aneinander. Zu sehen sind fast ausschließlich Bildpaare, die miteinander korrespondieren, sich ergänzen, widersprechen und wortlos kommentieren. Das Photo eines Models in Paris steht neben dem Portrait eines Kindes in Palermo, makellose und verwundete Körper treffen aufeinander, lachende und resignierte Gesichter, perfekt inszenierte Studioaufnahmen und Schnappschüsse aus dem Familienalbum.

Avedons Photos erzählen vom Altern und Sterben seines Vaters und vom Fall der Mauer, von Schönheit und Vergänglichkeit, Offenheit und Erstarrung, Macht und Ohnmacht, von Illusionen und dem Verlust aller Illusionen. Der Gefahr, daß die sozialkritischen Arbeiten zum dekorativen Kontrast werden, erliegt Avedon dabei nicht. Mit seiner Autobiographie gelingt ihm die Gratwanderung. Eindrucksvoll überschreitet er Grenzen, fixiert verschiedene Welten und Gefühle und verbindet sie schließlich zu einer Geschichte des Lebens.

Raimund Hoghe