Russische Intelligenz vor 1985

Dietrich Beyrau, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt, gebührt das Verdienst, mit seiner ambitionierten Pionierarbeit Neuland beschritten zu haben. Sein Interesse gilt nicht der vergleichsweise gut untersuchten Intelligencija in der vorrevolutionären Gesellschaft Rußlands, sondern dem Verhältnis von Intelligenz und Dissens in der postrevolutionären sowjetrussischen Gesellschaft bis zum Beginn der Ära von Glasnost und Perestrojka. Unter Intelligencija versteht Beyrau eine sozial heterogene Schicht, deren Mitglieder nicht nur über höhere Bildung verfügten, sondern auch von einem bestimmten Habitus geprägt waren. Im sowjetischen Sprachgebrauch erfuhr diese Definition eine Erweiterung durch die politischen Kader aus Partei, Verwaltung und Wirtschaft.

Beyrau beschränkt sich in seiner Monographie nicht allein auf eine Facette, zum Beispiel die Schriftsteller, die schnell zum Appendix eines politisch gelenkten Publikationswesen wurden, sondern beschreibt die Entwicklung der Bildungsberufe insgesamt. Dies gelingt ihm, ungeachtet einiger Wiederholungen, in beeindruckender Weise.

Aufschlußreich ist die quantitative Entwicklung der Bildungsberufe in der UdSSR. Belief sich die Anzahl der Spezialisten mit Hochschul- und Universitätsabschlüssen 1941 noch auf cirka 900 000, betrug sie Mitte der achtziger Jahre nahezu 16 Millionen, wobei die technischen Diplome dominierten. Mit dem beträchtlichen quantitativen Wachstum einher ging ein deutlicher Sozialprestige- und Einkommensverlust der Ingenieurberufe. Verdienten die "Pioniere des Fortschritts" in den vierziger Jahren noch doppelt soviel wie ein Arbeiter, waren sie in den achtziger Jahren auf dasselbe Niveau abgesunken. In den Dienstleistungsbereichen – Gesundheitswesen, Erziehung, Handel und Kultur – blieben die Einkommen deutlich hinter den produzierenden Gewerben, insbesondere den Sektoren Bauwesen und Industrie, zurück.

Die massenhafte Ausweitung des Bildungssystems seit Ende der zwanziger Jahre mit dem Ziel, eine breite Elite "roter" Spezialisten zu schaffen, verschränkte sich mit einer zunehmenden Verflachung des Marxismus, seiner Degradierung zu einem dogmatisierten Katechismus. Dieser auch in der Kulturpolitik sowie in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu beobachtende Vorgang dürfte das schnelle Vorankommen der Parteikader in der sowjetischen Hierarchie begünstigt haben.

Die vielleicht pervertierteste Form der Ausbeutung der Intelligenz fand in der Stalin-Ära in der Form der sogenannten Scharaga statt. Hierbei handelte es sich um Labors, Konstruktionsbüros und Forschungszentren im Rahmen von Arbeitslagern. Arbeit wirkte auf viele inhaftierte Lagerinsassen offenbar wie eine Droge, die zu wissenschaftlichen Höchstleistungen anspornte. So empfanden die Spezialisten eine von Seiten des Staates nach willkürlichen Prinzipien gewährte bessere materielle Versorgung oder die Wiedergewährung der persönlichen Freiheit als Privilegierung.

Erst nach Überwindung der schlimmsten Auswüchse des Stalinismus kam es zu einem Ausbrechen aus der "habituellen Schizophrenie", das heißt jenem Verhaltensmuster, das zwischen eigenem Denken, privater Rede und opportuner öffentlicher Meinungsäußerung differenzierte. Die Überwindung der Angst vor staatlicher Repression und der Verzicht auf äsopische Sprache wurden zum Signum intellektueller Abweichung. Den Dissidenten wuchs dabei eine ähnliche Funktion zu, wie sie die Intelligencija in der autokratischen Gesellschaft ein Jahrhundert zuvor wahrgenommen hatte, nämlich die einer moralischen Gegenelite. Trotz staatlicher Repression, Karriereknick und der Abdrängung in die Subkultur der Fensterputzer und Fahrstuhlführer avancierten sie als Vordenker und Tabubrecher zum Anwalt kollektiver Interessen. Lutz Häfner