Wenn die Amerikanerin Toni Morrison am 10. Dezember Medaille und Urkunde des Nobelpreises für Literatur aus der Hand des schwedischen Königs erhält, werden sechs Herren im Frack bereits die gleiche Prozedur absolviert haben: die Laureaten für Physik, Chemie und Medizin. Ein weiteres Mal scheint die Zeremonie in Stockholms Konserthuset also jene traditionelle Vorstellung intellektueller Arbeitsteilung widerzuspiegeln, nach der Frauen vielleicht in der Literatur, aber kaum in den harten Wissenschaften den Männern Gleichwertiges zu leisten vermögen. Denn immerhin gingen etwa zehn Prozent aller Literaturnobelpreise an Frauen, während sie es in den Naturwissenschaften nur auf bescheidene zwei Prozent bringen.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen. Schon bei der dritten Preisverleihung vor genau neunzig Jahren, als Frauen im Kaiserreich oder in England noch nicht einmal als ordentliche Studentinnen zugelassen waren, gab es unter den naturwissenschaftlichen Preisträgern eine Frau: die legendäre Marie Curie. Nach dem Preis für Physik, gemeinsam mit ihrem Mann Pierre und mit Henri Becquerel, erhielt sie 1911 sogar noch einmal den Preis für Chemie. Erst nach ihrem Tod folgte 1935 eine zweite Preisträgerin: ihre Tochter Irène. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als weibliche Wissenschaftler in den Labors keine exotische Seltenheit mehr waren, gab es lediglich sieben Frauen unter den Laureaten, zuletzt die Amerikanerin Gertrude Elion, die 1988 mit dem Preis für Medizin geehrt wurde. Insgesamt 10 Frauen unter den mehr als 400 Nobelpreisträgern in den Naturwissenschaften also – wahrhaft keine üppige Bilanz.

Vermutlich sind die Hürden auf dem Weg an die Spitze der wissenschaftlichen Elite für Frauen höher als für Männer. Denn nicht allein Begabung und Fleiß, nicht einmal wissenschaftliche Erfolge garantieren den Aufstieg; Durchsetzungsfähigkeit und eine gute Prise "Showmanship" gehören ebenfalls dazu. Um sich der harten Konkurrenz gewachsen zu zeigen, mangelt es den Frauen oft an Aggressivität. Ihnen fehlt der sogenannte Killerinstinkt, jene erfolgsträchtige Mischung aus Monomanie in der Sache und Ellenbogen gegenüber den Kollegen. Frauen werden deshalb nur in seltenen Fällen in jenen exklusiven Zirkeln wahrgenommen, die alljährlich zu Vorschlägen für die Preisverleihung aufgefordert werden.

Sind diese Hürden erst einmal genommen, scheint die Benachteiligung der Frauen allerdings kein Thema mehr zu sein. Ihre magere Quote bei den Nobelpreisen resultiert offenbar aus dem geringen Anteil hochrangiger Forscherinnen in Labors und Instituten. Deshalb läßt sich von der Minderzahl weiblicher Nobelpreisträger auch nicht auf die generelle Diskriminierung durch männliche Kollegen im allgemeinen und Nobelkomitees im besonderen schließen.

Die Italienerin Rita Levi-Montalcini, die 1986 den Medizinpreis erhielt, erklärte, niemals als Frau in der Wissenschaft diskriminiert worden zu sein. Und Dorothy Hodgkin-Crowfoot, die schon 1964 mit ihrem Chemiepreis in die akademische Super-Elite vordringen konnte, meinte sogar, daß sie in ihrem wissenschaftlichen Fortkommen als Frau durchaus begünstigt war.

Auch das modische Argument, daß Frauen in der Wissenschaft, weil sie von Männern gemacht wurde und dadurch männlich geprägt sei, zwangsläufig scheitern müßten, verfängt nicht bei den Erfolgreichen. Die Nobelpreisträgerinnen sind von der Geschlechtsneutralität der Wissenschaft überzeugt und haben sich den Umarmungsversuchen der Feministinnen mit freundlicher Entschiedenheit entzogen. Marie Curie, die sich unter den härtesten Bedingungen in ihrer Wissenschaft durchsetzen mußte, war eine bewußte Einzelkämpferin. Wie ihre männlichen Kollegen versuchte sie ihr Glück dort, wo sich die originellsten Probleme und die interessantesten Aufgaben stellten.

Ulla Fölsing