Von Detlef Vetten

Das Verfahren gegen die Eltern des dreieinhalbjährigen Steven wegen Tötung ihres Sohnes dauert zwei Tage. Nur wenige Besucher kommen in den Schwurgerichtssaal in Coburg. Nach der Verhandlung berichtet das Obermain Tagblatt unter der Überschrift "Kind ‚fast nach KZ-Manier‘ gequält", daß der Angeklagte zu sechseinhalb, seine Frau zu fünf Jahren Haft verurteilt worden seien. Die Leser – vor allem im oberfränkischen Uetzing, wo Steven ein Jahr zuvor am Totensonntag 1992 an einem Stück Bratwurst erstickt ist – sind empört über den Gerichtsspruch.

Das Verfahren gegen Manuela und André N. endet in Wut, Ratlosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Die Menschen, die mit dem Fall zu tun hatten, verschanzen sich hinter ihrem Beruf; wenn nicht, dann gestehen sie ihre Ohnmacht ein; oder sie lassen ihrem Zorn freie Bahn. Es gibt nur Verlierer und Menschen, die die Grenzen ihrer Möglichkeiten erkennen müssen.

Im großen Saal des Coburger Schwurgerichts wird vor dem monumentalen Gemälde einer friedlich weidenden Schafherde in äußerst sachlicher Atmosphäre verhandelt. Der Bub ist nur noch ein Kasus für die Justiz – zügig zu erledigen in zwei Tagen. Nur einmal gehen die Gefühle mit einer Zeugin durch. Da dreht sich die Mutter der Angeklagten zu ihrer Tochter und deren Mann um und schreit durch den Raum: "Mörder! Mörder seid ihr! Ihr habt meinen Steven umgebracht!" Die kleine Frau bricht in Schluchzen aus und schüttelt die Faust gegen ihre Tochter. Der Richter bittet einen Beamten, er möge die Frau nach draußen führen, und ordnet eine kurze Pause an.

Danach geht alles wieder seinen Gang. Keiner weint, keiner fällt aus seiner Rolle – und keiner redet mehr von "Mördern". Es wird nicht über Mord verhandelt, nur über Tötung.

Auf der Anklagebank sitzen mit verhuschten blassen Gesichtern Stevens Eltern. Manuela N. sieht aus wie ein pubertierendes ängstliches Mädchen; André N. paßt nicht so recht in seine Männerhosen und den abgetragenen Sweater. Niemand im Saal ist auch nur annähernd so klein und schmalgliedrig wie diese zwei Menschen, die sich zwischen ihren Verteidigern verkriechen. Sie mißt 1,49 Meter und wiegt knapp vierzig Kilo, er ist nicht mal einen Kopf größer.

Die Angeklagten haben nichts, um sich für ihren Auftritt vor Gericht gut anzuziehen. Auf hängenden Schultern tragen sie ihre alten Klamotten. Kein Konfirmandenanzug, kein schickes Kleidchen. Manuela N. schlüpft während beider Verhandlungstage nicht aus ihrem grauen Anorak, ihr Mann hat es nicht einmal für wert befunden, seine ausgetretenen Grabbeltisch-Schuhe zu putzen.