25 Jahre alt, studiert in Hamburg Kostümdesign

Also, eigentlich kann ich’s nicht verstehen. Ich trage bunte Wollstränge im Haar oder Sonnenblumen, und die meisten Leute können’s nicht hinnehmen. Im allgemeinen muß ich täglich siebenmal die Standardfragen beantworten: Sind das HAARE? Schläfst du damit? Ist es nicht zu warm? Und was ist mit den Sonnenblumen? Also, ich finde Sonnenblumen einfach wunderschön. Jeder braucht doch etwas Sonne in seinem Leben!

Die meisten Leute unterstellen mir aufgrund meines farbenfrohen Äußeren permanente gute Laune und viel Energie. Dabei schaffe ich es nicht mal, pünktlich in meine morgendlichen Kurse in der Kunsthochschule zu kommen. Die Kurse fangen um halb neun an, und ich muß um sieben aufstehen. Sind nicht meine Zeiten. Abends arbeite ich dreimal die Woche in der Kneipe, weil mein Bafög hinten und vorne nicht reicht, danach komme ich erst gegen drei oder vier abgekämpft nach Hause, da ist sieben einfach zu früh.

Gefrühstückt wird nur am Wochenende. Ich liege lieber drei Doppelsekunden länger im Bett, als daß ich Kaffeetrinken müßte. Ich fahre dann mit dem Fahrrad zur Armgartstraße, quer durch die Stadt, durch die Abgase, weil das billiger ist als U-Bahn. Wenn ich zu spät erscheine, sind die Staffeleien weg.

Montags ist Zeichnen und dienstags Malen, an anderen Tagen Siebdruck, Photographie, natürlich Kostümdesign, das geht bis zum frühen Nachmittag, und das Mittagessen fällt aus.

Die Schule ist nicht das, was ich mir so vorgestellt habe. Ich finde das Studium nicht allzu motivierend. Die Schule hat noch nicht mal eine Verbindung zu einem Theater und man weiß, alles, was man macht, sind Trockenübungen. In London war das ganz anders.

Zwei Jahre habe ich in London gelebt. Ich wollte zwei Monate bleiben, bin aber hängengeblieben. Ich habe in einem besetzten Haus gewohnt, als Schneiderin in einem Kostümverleih gearbeitet und freie Kunst studiert. Damals dachte ich, ich sei der kreativste Mensch der Welt. Aufgrund fehlender Sponsoren mußte ich nach Deutschland zurück. Der Unterschied ist: Hier wird Kreativität geformt, dort wurde sie gefördert. Kritik ist ja schön und gut, aber wozu ist man nicht fähig, wenn man motiviert wird?