ARD, Donnerstag, 2. Dezember: „Bitterfelder Skizzen“; ZDF, Freitag, 3. Dezember: „Kommt Leipzig?“

Das Stadtportrait ist ein altehrwürdiges Film-Sujet. In seinen Anfängen konzentrierte es sich ganz auf die Bauten und ihre Anordnung. Der Blick der Kamera konnte Schlösser, Türme und Brücken in Bewegung setzen, sie zum Sich-Wenden, Sich-Neigen, Sich-Drehen bringen, sie so zeigen, wie der Spaziergänger, ein vergleichsweise träger Beobachter, sie nie zu sehen kriegt. Diese Begabung seines Werkzeugs genügte dem Stadtfilmer lange vollauf – er tanzte um Kirchen, Paläste und Straßenzüge herum und nahm die Anwohner und Fußgänger, die ihm in die Quere kamen, hin.

Erst das Fernsehen mit seiner Vorliebe fürs Intime erinnerte daran, daß Städte zuerst mal aus den Menschen bestehen, die in ihnen leben. Die Städter wurden fortan nicht mehr nur als Staffage gefilmt, sondern als Gesichter und Meinungsträger. Zum Stadtportrait gehört heute das Interview – und zwar nicht nur mit dem Bürgermeister, sondern auch mit dem Mann auf der Straße, der Frau auf der Treppe.

Diesen Appell hat Dieter Zimmer in seinem Film „Kommt Leipzig?“ zu wörtlich genommen. Zwar kriegte man die renovierte Mädler-Passage zu sehen, auch eine stillgelegte Fabrik und eine renovierungsbedürftige Kirche – aber dem Liebhaber des Stadtportraits fehlte das Weichbild. Statt dessen gab es jede Menge Interviews – mit tönenden Bedeutungsträgern, die an sterilen Schreibtischen saßen, statt draußen auf Leipziger Plätzen zu wandeln. So erfuhr man, daß Leipzig „kommt“ – aber es kam nicht auf den Schirm.

Ehrgeiziger und sehr viel besser geglückt waren Thomas Fütings „Bitterfelder Skizzen“. Nach einer Luftaufnahme der Region sah man erst mal eine Geburt: Der kleine Bitterfelder ist am Ende des Films bald zwei Jahre. So unaufdringlich kann man zeigen, in welchen Zeitraum sich eine Reportage erstreckt.

Lange Fahrten durch das gigantische „Elektrochemische Kombinat Bitterfeld“, durch seine verlassenen Höfe und Hallen, seine überwachsenen Schienenwege, seine zusammenbrechenden Kessel und Rohre, aus denen es ab und an noch hervordampft, denn es wird immer noch „eine Schicht gefahren“ – solche Bilder aus der Stadt und ihrer von der Industrie gefressenen Umgebung sind der gewaltige, ruhig und üppig inszenierte Schauplatz des Films. Gespräche mit den Leuten, wiederholte Interviews im Lauf der Monate – sie erzählen die dramatische Geschichte der Gegend. Die Epoche der Großindustrie geht in Bitterfeld verspätet und spektakulär zu Ende: Sie wird nicht abgewickelt, sondern gesprengt. Die sie überlebenden, die gleichsam hinterbliebenen Menschen verlieren alles, sie erstarren, verzweifeln, aber sie bleiben. Sie kommen zu sich, eröffnen Plattenläden und Hotels, schulen um, warten auf einen Arbeitsplatz bei Bayer oder Mercedes. Sie gebären Kinder und sagen: „Unsere Eltern haben uns doch auch groß gekriegt.“

Die „Bitterfelder Skizzen“ zeigen, daß Städte, auch die häßlichsten, ihre Menschen nicht nur „formen“ oder „prägen“, sondern sie an sich binden – dadurch, daß sie ihrerseits sich von den Menschen bauen und beseelen lassen. Ein Film wie dieser ist nur im Fernsehen möglich – und vorderhand nur im öffentlich-rechtlichen. So spricht er für das Medium und für den Gebührenkanal. Barbara Sichtermann