Ein Doppelporträt von Ulrich Holbein

Odol und LSD, zwei Jubiläen, ein hundert- und ein fünfzigjähriges, sind 1993 in vieler Munde. Zwei Köpfe werden gefeiert:

1. Karl August Lingner (1861-1916), ein Pionier des Prinzips Markenartikel, Gründer der Zentralstelle für Zahnhygiene sowie des Sächsischen Serumwerks und Instituts für Bakteriotherapie, Ausstellungsorganisator, Kommerzienrat, Ehrenbürger, Ehrendoktor, vor allem der Vater des Odol, das er 1893 erfand, bzw. die Produkt-Idee bei einem befreundeten Chemiker in Auftrag gab – drei Jahre vor der Erfindung der Coca-Cola.

2. Albert Hofmann, Naturstoffchemiker, Autor, mehrfacher Ehrendoktor, der heute 87jährige Vater des LSD, der das erste LSD 1943 nicht nur eigenhändig herstellte, sondern zudem auf den ersten LSD-Trip der Welt ging – zwei Jahre vor dem ersten Atombombenabwurf. Albert Einstein, der mit seiner praktisch von niemandem absolut restlos verstandenen Relativitätstheorie für den äußeren Kosmos zuständig wurde, kann fruchtbar mit Albert Hofmann zusammengedacht werden, der für ein ungewollt breitgefächertes Publikum dessen inneren Kosmos geöffnet hat.

Hier wie da sind im Jubiläumsjahr 1993 mehrere Publikationen erschienen:

Erstens ein 230 Seiten umfassender Katalog in Buchform, großformatig, wasserblau, des Titels "In aller Munde. Einhundert Jahre Odol", herausgegeben von Martin Roth, Manfred Scheske und Hans-Christian Täubrich, mit Beiträgen von achtzehn Autoren über Zahnheilkunde vor hundert Jahren, über Sauberkeitsideale des Deutschen Kaiserreichs, Odol als Gegenstand der bildenden Kunst, alles mit ausführlichem Bildmaterial, inklusive zwei Lingner-Hommagen.

Zweitens ein mit psychedelisch zerfließenden Cover-Motiven ausgestattetes Paperback "50 Jahre LSD-Erfahrung", Albert Hofmann in tiefer Dankbarkeit gewidmet von seinen bekannten und unbekannten Freunden, pünktlich im April erschienen als Grüner Zweig 159, eine Koproduktion des Solothurner Nachtschatten Verlags und der Werner Pieperschen Medienexperimente in der Alten Schmiede zu Löhrbach bei Weinheim, eine Jubiläumsschrift des Altamerikanisten, Ethnopharmakologen und LSDiana-Sammlers Christian Rätsch, der zudem das noch viel umfassendere Buch "Das Tor zu inneren Räumen" 1992 im Verlag Bruno Martin herausgab, mit fünfzehn Beiträgen diverser Diplomchemiker, Ärzte, Kunsthistorikerinnen, Bewußtseinswarenhändler, transpersonaler Psychotherapeuten.