Von Holger Radloff

Wenn Siegbert Mahal aus Wiershausen bei Göttingen den Stöpsel aus der vollen Badewanne zieht, kommt ihn das demnächst teuer zu stehen. Zwar zahlt der fünfzigjährige Arzt für die Wannenfüllung von dreihundert Litern gerade fünfzig Pfennig, doch für den Abfluß seines Badewassers soll er in Zukunft zwei Mark berappen. Denn soeben hat die Gemeindeverwaltung den 175 Einwohnern von Wiershausen eine Betonröhre zum drei Kilometer entfernten Klärwerk in Kalefeld vor die Tür gelegt. Die Baukosten: drei Millionen Mark.

25000 Mark Anschlußgebühren soll Mahal auch noch zahlen. Doch der Arzt weigert sich, und während die Bagger am drei Meter tiefen Graben nach Kalefeld schaufelten, bauten er und ein Nachbar gleich hinter ihren Häusern eigene Klärwerke.

Das Wasser läuft nun nicht mehr aus der alten Absetzgrube in den nahen Graben, sondern in einen Folienteich, der mit Sand aufgefüllt und mit Röhricht bepflanzt ist. Nach zwei Wochen rinnt klares Wasser in einen kleinen Fischteich. "Unsere Fische sind putzmunter, und wir können das Wasser für die Toilettenspülung nutzen oder im Gemüsegarten damit gießen", sagt Mahal. Die Anlage für das Dreifamilienhaus hat 20 000 Mark gekostet.

Die Wiershausener sind mit ihrem Protest nicht allein. Seit eine EG-Richtlinie fordert, daß bis zum Jahr 2005 auch kleine Gemeinden ihr Abwasser von Phosphor und Stickstoff reinigen müssen, werden in dünnbesiedelten Landstrichen Bürger für weitläufige Kanalnetze zur Kasse gebeten.

"Betroffen sind in den alten Bundesländern etwa fünf Millionen Menschen, die noch nicht an Klärwerke angeschlossen sind. In den neuen Bundesländern hat sogar nur ein Fünftel aller Gemeinden eine Kläranlage", sagt Joachim Hackenberger vom Institut für Siedlungswasserwirtschaft an der TU Dresden. "Doch die herkömmliche Reinigung in zentralen Klärwerken ist so wahnsinnig teuer, daß viele unserer Ortschaften sie gar nicht bezahlen können."

Kein Wunder: Bisher sehen etablierte Fachleute ausschließlich die Reinigung in großtechnischen Kläranlagen vor. In deren Becken werden Bakterien durch unablässige Sauerstoffzufuhr zum Abbau der Gewässergifte angetrieben. Diese "Belebtschlamm-Anlagen" sind jedoch nur in großem Maßstab wirtschaftlich. Um die erforderliche Anzahl von Haushalten anschließen zu können, ist es in spärlich besiedelten Regionen notwendig, kilometerlange, vernetzte Kanäle und aufwendige Pumpstationen zu bauen.