Wozu Hut gut ist, davon machen sich Unbehütete keinen Begriff. Erstens sieht frau anders aus damit. Zweitens: Darunter steckt immer ein kluger Kopf, eine Individualistin. Drittens schützt er gegen Sonne, Kälte und Wind. Viertens versteckt ein Hut ungewaschene Haare und einen ausgewachsenen Schnitt. Fünftens: Unter der Krempe kann frau Blicke verschicken, die ohne Hut nicht halb soviel Wirkung hatten. Oder sechstens, ganz im Gegenteil: Mit Hilfe des Hutes können auch Ungeübte die Schüchterne geben. "Die Zeugin", schrieb der Spiegel kürzlich in einer Gerichtsreportage, "kam in unförmigem Mantel zur Sitzung, mit Sonnenbrille unter einem Topfhut, den sie fast bis auf die Nase zog."

So nimmt es denn, zumal bei Dauerfrost und steifem Ostwind, nicht wunder, daß er plötzlich wieder da ist, der Hut. Reanimiert, neuentdeckt, heißgeliebt. Vorbei und vergessen sind vierzig hutlose Jahre. Kopfbedeckungen sind, jubelt das Fachblatt Textilwirtschaft, die Accessoire-Sparte mit den höchsten Zuwachszahlen.

Bislang war er in der fein austarierten Welt des modisch Angesagten die tragische Nummer: Hut war Mutti, Plüsch und Käsesahnestündchen. War steifes Filzdreieck mit Triangelbeule über Dauerwelle. War wippende Fasanenfeder am Trachtenhut. War Kordel, Strick und Stichelloden, in der Edelvariante allenfalls geduldet bei Freud-und-Leid-Anlässen wie Hochzeit und Beerdigung, wo Verkleidung vorgeschrieben ist.

Jetzt ist Hut feiner Kaninchen- oder Hasenfilz, besser noch Velours in hundert Farben, umschlungen mit Samt und Seide, schimmerndem Rips oder weichen Kaschmirbändern. Auch wenn er dabei ist, sich obendrauf zu setzen, wie es seine Art ist, bedeutet das keineswegs, daß alles unter einen Hut muß. Es darf gewählt werden: aufsetzen, anschauen, prüfen.

Das Repertoire reicht von Einstiegsmodellen wie der weich verschlunzten Fuggerkappe, die nicht übel nimmt, zusammengeknautscht in der Tasche zu verschwinden, bis zum handgefertigten Modellhut mit eingearbeitetem Nutria. Aufschlaghüte, die vertrauten Topfformen der zwanziger und dreißiger Jahre, schmeicheln fast jeder Gesichtsform und sind deshalb ein Renner: groß und bequem, manche im Nacken beinahe so tief wie Südwester, das läßt sich zu Mantel, Kostüm, Jeans und Jacke tragen. Zum Garçonnestil passen besser strenge Herrenhüte, Chasseurs genannt; zu allem, was nach Uniform aussieht, am besten Baskenmützen, die auch mal verkehrt herum auftreten. Eher out ist in dieser Saison alles, was breite Krempen zeigt.

Das Comeback zu erklären fällt selbst Experten schwer. Die britische Modejournalistin Jane Mulvagh analysiert: "Die Royals haben den Hut auch in harten Zeiten hochgehalten und ihm dadurch das Überleben gesichert. Jetzt haben ihn die Frauen wiederentdeckt. Die Mode ist einfacher geworden, die Hüte dafür mutiger." Tatsächlich nahm die Renaissance im Vereinten Königreich ihren Ausgang, wo schon vor sechs Jahren die Medien die schrillen Kopfgeburten von Londons mad harter Stephen Jones bejubelten.

Gritt Wollenberg, Modistin in einem Hut-Atelier in der Hamburger Innenstadt, hat beobachtet: "Die Hüte, die jetzt getragen werden, lassen sich auch mit einem lässigen Outfit kombinieren. Dadurch fällt die Hemmschwelle fort, daß man perfekt, elegant eingekleidet sein muß und als I-Tüpfelchen der Hut obendrauf kommt." Seit Wochen herrscht Hochbetrieb zwischen ihren Ständern und Hutschachteln. "Wir kommen kaum hinterher mit der Nachfrage. An langen Sonnabenden ist es so, daß fünf, sechs Modellhüte weggehen. Da muß erst einmal wieder nachgearbeitet werden." Fabrikhüte, deren Gros aus Italien importiert wird, gibt es ab 50 Mark. Nach oben werden der Begehrlichkeit kaum Grenzen gesetzt. Für handgefertigte Modelle sind zwischen 400 bis 600 Mark anzulegen. Das geübte Auge erkennt fast immer auf Anhieb die Unterschiede; vor allem die Nähte verraten die Herkunft.