Alles begann mit den harmlosen Geschichten, die ein schwarzes Sklavenmädchen erzählte. Diese beflügelten die Phantasie gleichaltriger Puritanertöchter und animierten sie zu allerlei geheimnisvollem Tun. Als die Sklavin Tituba zur Rechenschaft gezogen wurde, gestand sie, eine Hexe zu sein. Ihre Spielgefährtinnen sollen daraufhin in Schreikrämpfe und Zuckungen verfallen sein, bald darauf brach eine Massenhysterie aus. Vor dreihundert Jahren erlebte der Ort Salem im nordamerikanischen Bundesstaat Massachusetts, etwa vierzig Kilometer nordöstlich von Boston, eine Reihe von Hexenprozessen. Bevor der Gouverneur des Staates 1693 die Menschenjagd unterband, waren zwanzig Personen aufgeknüpft worden.

Auf dem Höhepunkt der Verfolgungskampagne hatten sich während eines Prozesses drei Richter vom Mob dazu bringen lassen, einen schon verkündeten Freispruch zurückzuziehen und in ein Todesurteil umzuwandeln.

Einer dieser Richter war ein direkter Vorfahre des Schriftstellers Nathaniel Hawthorne (1804 bis 1864), der neben Hermann Melville und Edgar Allan Poe zu den Begründern der amerikanischen Nationalliteratur gezählt wird. Hawthorne machte die puritanische Bigotterie und ihren Verfolgungswahn zum Thema seines Buches "Das Haus der sieben Giebel".

Besuchern Salems wird heute ein Haus präsentiert, das sich als authentischer Schauplatz des Romans ausgibt, ob dies nun stimmt oder nicht. Sicher ist nur, daß eine geschäftstüchtige Frau zu Anfang dieses Jahrhunderts das Gebäude in den jetzigen Zustand versetzen ließ, indem sie den fünf vorhandenen zwei weitere Giebel hinzufügen ließ. Der gedrungene, verwinkelte Bau mit seiner Geheimtreppe wirkt wie der Schauplatz einer Schauergeschichte im Stile der englischen Gothic novels.

Salem, das zu den ersten Siedlungsorten der calvinistischen Protestanten in Neuengland gehörte, besitzt ein Museum, in dem versucht wird, Besuchern die damaligen Ereignisse nahezubringen. Eine son et lumière-Aufführung und Szenen, die mit lebensgroßen Puppen nachgestellt wurden, heben vor allem darauf ab, dem Zuschauer ein wohliges Gruseln zu verschaffen. Im "Haus der sieben Giebel" hat sich Hawthorne intensiv mit seinem Richter-Vorfahren auseinandergesetzt. Über den schreibt er im Vorwort zu seinem berühmtesten Buch, "Der scharlachrote Buchstabe", das sich ebenfalls mit der Stigmatisierung durch puritanische Wahnvorstellungen beschäftigt: "Er tat sich derartig bei dem Martyrium der Hexen hervor, daß man glauben darf, das Blut jener Unglücklichen habe einen Flecken auf ihm hinterlassen. Einen so tiefgehenden Flecken, daß er auf seinen alten Knochen auf dem Friedhof von Charter Street kleben geblieben sein muß, falls sie bis jetzt nicht zu Staube zerfallen sind." Durch die Änderung des Familiennamens – er fügte ihm ein "w" hinzu – suchte sich der Schriftsteller von seinem Vorfahren zu distanzieren, beschwor aber im gleichen Zug erneut das ihm greuliche Erbe. Denn der Buchstabe steht für wach, Hexe.

Im "Haus der sieben Giebel" wird die Geschichte einer alteingesessenen Familie erzählt. Auf ihr liegt ein Fluch, den einst ein als Hexer denunzierter und um sein Eigentum betrogener Handwerker ausstieß. Im Roman versiegt der Brunnen gleich neben dem Haus auf unerklärliche Weise, jedoch genau in dem Augenblick, als der Handwerker Opfer der Anschuldigungen wird. Heutzutage werfen die Touristen Münzen in den Schacht hinein. Um die Besucher zufriedenzustellen, ist auch das Haus, in dem Nathaniel Hawthorne in einem anderen Teil Salems geboren wurde, komplett auf dieses Areal verfrachtet worden.

Vor vierzig Jahren griff Arthur Miller die Hexenprozesse wieder als Thema auf und dramatisierte den Stoff für die Bühne – eine Abrechnung mit der Kommunistenhatz des Senators McCarthy, in dessen Verfolgungsmaschinerie Miller vorübergehend geriet. Nun, dreihundert Jahre nach dem historisch überlieferten Ereignis, sah sich der Gerichtshof von Salem wiederum mit finsterem Aberglauben konfrontiert. Im fünfzig Kilometer entfernten North Andover wäre es einem Mann im vorigen Jahr fast gelungen, sich das Vermögen einer alleinstehenden reichen Frau zu erschwindeln. Denn es war ihm einige Zeit gelungen, sie von seinen hexerischen Fähigkeiten zu überzeugen. Diesmal lautete die Anklage allerdings nicht auf Hexerei, sondern auf Erpressung.

Joachim Eggers