Die Ozonhülle ist im vergangenen Jahr stärker ausgedünnt als jemals zuvor – das geht jedenfalls aus dem jüngsten "Ozon-Bulletin" der Welt-Meteorologie-Organisation (WMO) in Genf hervor. Sechs bis sieben Wochen lang lagen über der Antarktis die Ozonwerte unter 150 Dobson (als normal gelten dort etwa 300 Dobson). Anfang Oktober wurden zum ersten Mal sogar Ozonwerte unter 100 Dobson registriert. Das und die "enorme" Größe des ausgedünnten Bereiches über 23 Millionen Quadratkilometer "klassifizieren das Ozonloch in diesem australischen Frühling zum größten, das je gemessen wurde", schreibt die WMO.

Inzwischen hat die Gashülle, wie in jedem Dezember, wieder ihre normale Dicke erreicht. Denn in dem Maße, wie über der Südhalbkugel die Temperaturen klettern, wächst auch die Ozonschicht an. In den letzten Novembertagen, heißt es in der Meteorologen-Fachsprache, "verschwand das Ozon-Ereignis 1993". Rumen Bojkov, der Special Advisor der WMO zu Ozonfragen, macht sich dennoch Sorgen über den Langzeit-Trend. Denn die kontinuierliche Ozonabnahme zeigt sich nicht nur über der Antarktis, sondern wird inzwischen auch von Meßstationen auf der Nordhalbkugel zweifelsfrei nachgewiesen. Über Nordamerika sind vor allem in den letzten zwei Jahren die Ozonkonzentrationen deutlich gefallen, wie die neuesten verfügbaren Daten zeigen; über Mitteleuropa sieht es nicht viel anders aus.

Korrekturbedarf empfindet Bojkov allerdings bei Schreckensmeldungen wie der des chilenischen Klimatologen Luis da Silva, der von einer Zunahme der hautkrebserzeugenden UV-Strahlen in Chile um dreißig Prozent berichtet hatte. "Für eine kurze Zeitspanne, also zwei oder drei Tage, gab es an der Südspitze Südamerikas solche Verhältnisse. Das ist richtig. Aber das war Ende September, als in diesen Breitengraden die Sonne noch sehr tief stand." Die erhöhte Ultraviolett-Strahlung sei zu diesen Jahreszeiten kaum zu fürchten. Im Februar dagegen, wenn die Sonne hoch stehe und die Strände von Badenden bevölkert werden, seien die Ozonwerte und damit auch die Sonneneinstrahlung wieder normal.

Dies kann zwar kurzfristig, nicht jedoch auf lange Sicht beruhigen. Dazu wird die komplizierte Ozonchemie der Stratosphäre immer noch zu wenig verstanden. Daß die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) an dem Zerstörungswerk in der Atmosphäre einen starken Anteil haben, zeigt sich immer eindeutiger. Zwar spielen beim Ozonabbau auch meteorologische Bedingungen mit. Den drastischen Einbruch über Nordamerika können sie allerdings nach Bojkovs Meinung höchstens "zur Hälfte" erklären. Auch die oft ins Feld geführten Schwefelsäure-Aerosole, die der philippinische Vulkan Pinatubo vor zweieinhalb Jahren in die Atmosphäre schleuderte, können kaum noch für den diesjährigen Ozonabbau verantwortlich gemacht werden. Eine Prognose über die zukünftige Entwicklung wagt aber nicht einmal WMO-Experte Bojkov.

Sicher ist nur, daß im kommenden Jahr erneut eine umfassende Ozonmeßkampagne anlaufen wird. Nachdem die Amerikaner im Mai dieses Jahres ihr Total Ozone Mapping Spectrometer (TOMS) auf dem Satelliten Nimbus-7 aus Altersgründen aus dem Verkehr zogen, liefert derzeit nur noch ein identisches Spektrometer auf dem russischen Satelliten Meteor-3 einen weltweiten Ozonüberblick. In einer Art Feuerwehraktion wollen die Amerikaner deshalb im kommenden Juni einen weiteren Ozonsatelliten in den Orbit schicken. Daneben werden dann, wie zuletzt 1991, spezielle Höhenflugzeuge und in der Antarktis startende Wetterballons versuchen, die Vorgänge beim Ozonabbau genauer zu untersuchen. Ende 1994 soll auch der europäische Fernerkundungssatellit ERS-2 mit dem Ozonsensor GOME starten. Er wird nicht nur die Abnahme der stratosphärischen Ozonschicht, sondern auch die Zunahme des Ozons am Boden, des sogenannten Sommersmogs, messen können. Ob dessen Daten allerdings mehr Anlaß zur Freude geben werden?

Ulrich Schnabel