Von Rebekka Habermas

Meine Liebste, erwähne Gouvernanten nicht, das Wort macht mich nervös! Ihre Inkompetenz und Launenhaftigkeit waren ein Martyrium für mich. Ich danke dem Himmel, daß ich nun mit ihnen fertig bin", stöhnt Lady Ingram in Charlotte Brontës vielgelesenem Roman "Jane Eyre". Im Unterschied zu ihrem männlichen Pendant, Hofmeister und Hauslehrer – erinnert sei nur an so honorige Gestalten wie Kant, Fichte und Schleiermacher gelten Gouvernanten als besserwisserische alte Jungfern, die ihr mehr oder minder unglückseliges Dasein durch grausame Erziehungsmethoden oder frivole Abenteuer kompensierten. Daß so herausragende Frauen wie Mary Wollestonecraft, Marie Curie und Helene Lange ihre Karrieren als Gouvernanten begannen, mehr noch, daß mit diesem Beruf der bis heute andauernde Kampf um eine qualifizierte weibliche Berufstätigkeit seinen Anfang nahm, paßt nicht in das Bild, das wir uns bis heute von diesen Blaustrümpfen machen.

Wie es eigentlich gewesen ist, beschreibt Irene Hardach-Pinke in ihrem Buch "Die Gouvernante". Angefangen von den gouvernantes in den französischen Adelshäusern des 17. und 18. Jahrhunderts über die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend auch in bürgerlichen Haushalten angestellten sogenannten Französinnen bis zu den gegen Mitte des Jahrhunderts mittlerweile professionell ausgebildeten deutschen Erzieherinnen ist hier ein in Vergessenheit geratenes Kapitel weiblicher Berufsgeschichte zu entdecken. Hardach-Pinkes Geschichte der Gouvernanten vermag freilich mehr zu bieten als die üblichen Professionalisierungsgeschichten, die sich in der Regel auf eine Aneinanderreihung fader Berufsstatistiken oder auf die Wiederholung mehr oder minder haltloser, in jedem Fall verklärender Erfolgsmeldungen über die Fortschritte des weiblichen Geschlechts beschränken. Auf der Grundlage von Autobiographien und Korrespondenzen ehemaliger Zöglinge und ihrer Gouvernanten, entlang der Gouvernantenromane und pädagogischen Ratgeberliteratur gibt sie auch Einblicke in die weiblichen Welten des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Diese freilich waren weder fade, noch geben sie Anlaß zu Fortschrittsoptimismus, vielmehr war das Leben insbesondere gebildeter Frauen im 19. Jahrhundert voller oft schmerzvoll empfundener Ambivalenzen: Der von den meisten aus schlichter ökonomischer Notwendigkeit gewählte Weg in eine ungewohnte Berufstätigkeit wurde nicht als "emanzipatorischer" Aufbruch verstanden, vielmehr war es der oft mühsame Versuch, auch als ökonomisch unabhängige Frau eine – wie Herder es formulierte – "Zierde der Schöpfung", eine demütige, sanfte, hingebungsvolle und herzensgebildete Vertreterin des schwachen Geschlechts zu sein.

Seinen Anfang nahm das Gouvernantenwesen im 17. Jahrhundert an den französischen Höfen. Waren auch nicht alle Erzieherinnen, die der französische Adel zur Unterweisung des weiblichen Nachwuchses in der Finanzverwaltung, Haushaltsführung, Konversation wie Anstand und Sitte anstellte, so einflußreich wie Madame de Maintenon, die schließlich eine heimliche Ehe mit Ludwig XIV. einging, so nahmen die meisten doch eine gutbezahlte und angesehene Stellung ein. In dem Maße, in dem das Versailler Hofleben auch für den deutschen Adel zum Vorbild in Sachen Lebensführung avancierte, wurde auch hierzulande der hochwohlgeborene Nachwuchs durch Französinnen erzogen. Hatte noch die erste, gegen Ende des 17. Jahrhunderts an einem deutschen Hof angestellte französische Gouvernante, die Hugenottin Elisabeth d’Ingenheim, Neid und Mißgunst hervorgerufen, so schwanden die Vorbehalte gegen die Ausländerinnen zusehends, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen auch bürgerliche Haushalte französische Erzieherinnen einzustellen. Die überaus selbstbewußten, begüterten bürgerlichen Familien zogen freilich nichtadelige junge Frauen vor. Schließlich sollte den Zöglingen hier nicht das Französisch des Versailler Hoflebens, sondern das Französisch der Enzyklopädisten nahegebracht werden.

Seit dem beginnenden 19. Jahrhundert entschlossen sich auch immer mehr deutsche Frauen zu dem für ihre Kreise ungewohnten Schritt in die bezahlte Lohnarbeit. Es waren in erster Linie bürgerliche Frauen, Töchter von Pfarrern, Professoren, Rechtsanwälten, die zuweilen aus Wißbegierde – schließlich bot sich als Gouvernante die einzige Möglichkeit, Bildung zu erwerben, blieben Universitäten doch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dem weiblichen Geschlecht verschlossen öfter aus schlichter materieller Not in fremden Haushalten verdingten. Ausgestattet mit eher rudimentären Schulkenntnissen, überraschten die Gouvernanten durch die Weite ihres Bildungshorizonts: Nicht wenige waren profunde Kennerinnen der englischen und französischen Literatur, waren versiert in Musik und Tanz und unterrichteten auch Geographie, Geschichte und Mathematik.

Eine Anstellung als Gouvernante bot zu Anfang des 19. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit, in einer qualifizierten Tätigkeit Geld zu verdienen und damit dem unwürdigen Los zu entgehen, das all diejenigen Mädchen bürgerlicher Herkunft vergegenwärtigen mußten, die nicht heiraten wollten oder konnten: mit Nadelarbeiten oder im Haus von Verwandten ein eintöniges Dasein zu fristen. Die ersten berufstätigen Frauen hatten allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, galt es doch im Bürgertum als erste Frauenpflicht, eine gute Mutter und Gattin zu sein, und gerieten unverheiratete Frauen doch schnell in den durchaus anrüchigen Ruf von weiblicher Gelehrsamkeit. So verwundert es auch nicht, daß Gouvernanten, obschon sie in die Männerdomäne des Latein- oder Physiklehrens vordrangen, ihre wichtigste Aufgabe in der Vermittlung von Sitte und Anstand, von weiblicher Selbstverleugnung, Zurückhaltung, Anmut und "Herzensbildung" sahen und daß sie keineswegs vorgaben, Vorkämpferinnen einer wie auch immer verstandenen weiblichen Emanzipation zu sein. Und doch, Gouvernanten ebneten den Weg in die Welt der bezahlten Arbeit und damit in eine Welt jenseits der bürgerlichen Weiblichkeitsvorstellungen. Deutschsprachige Gouvernanten in Rußland, England, ja Rumänien und auch Südamerika lernten nicht nur fremde Länder und Sprachen kennen, hier konnte eine für bürgerliche Frauen ungewohnte Selbständigkeit eingeübt werden.

1811 wurde die erste öffentliche Ausbildungsanstalt, die Luisenstiftung in Berlin, gegründet. Erstmals erhielten angehende Gouvernanten und nun auch Lehrerinnen eine Berufsausbildung: Sie wurden in Geschichte, Geographie, Naturlehre, Französisch, Rechnen, Schreiben und Handarbeiten unterwiesen. Nach und nach entwickelte sich ein regelrechter weiblicher Stellenmarkt, und es entstanden eigene Verbandsorgane sowie Vereine zur Fortbildung und Freizeitgestaltung. Statt aus materieller Notwendigkeit wurde nun immer häufiger aus sozialem Aufstiegswillen und intellektueller Neugier ein Beruf im Erziehungs- und Ausbildungswesen gewählt. Und obwohl sich mit dem neuen Lehrerinnenberuf an öffentlichen Schulen die Möglichkeiten für eine weibliche Berufstätigkeit ganz erheblich verbessert hatten, wählten nach wie vor viele eine Tätigkeit in privaten Haushalten. Hier konnten sie der systematischen Schlechterstellung von Frauen im öffentlichen Schulwesen – ihr Gehalt war niedriger als das der männlichen Kollegen, und sie durften nur bestimmte Fächer unterrichten – entgehen.