Erinnern wir uns? Wie aus der Nationalbibliothek in Sarajevo die Flammen schlugen? Wie unter dem Aufschrei der Welt gezielte Granaten ins alte erhabene Dubrovnik einschlugen? Wie erst in diesen Wochen die vierhundert Jahre alte Türkenbrücke über den Neretwa-Fluß in Mostar, nun also auch sie, zerstört wurde? Nicht zu reden von all den kaltblütig zu Krüppeln geschossenen, hinterrücks niedergemachten "Zivilisten". Bleibt uns nicht lange schon die Frage im Halse stecken: Warum? Da es doch für das eine wie das andere nicht einmal einen militärischen Grund gab, nur den Verdacht, es handele sich um Zerstörungswut, die längst in Zerstörungslust umgeschlagen ist, in wilden Haß? Wer dächte da noch an die rührenden blauweißen Plaketten, die all den kostbaren Schätzen der Baugeschichte lange vorher die Aufnahme ins "Weltkulturerbe" bescheinigt hatten?

Nun gibt es ein Buch, das mit fünf Essays, einem langen Vor- und einem langen Nachwort – nein, weder Trost noch Hoffnung macht, aber über Erklärungen nachdenkt. Geschrieben hat es der Architekt und Urbanist Bogdan Bogdanovic, einst Professor an der Universität, von 1982 bis 1986 Oberbürgermeister der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad, doch schon ein Jahr danach das, was man einen Dissidenten nennt: ein an Leib und Leben gefährdeter, mit Schmähungen verfolgter freier Geist, dem dieselbe Frage keine Ruhe ließ: Warum? Woher diese "neue Nazi-Partisanerie"? Warum dieser "Städtemord" an Osijek, Vukovar und Zadar, an Mostar und Sarajevo? Wozu dieser blindwütige Bildersturm?

In allen sieben Aufsätzen, die das Büchlein versammelt, geht es Bogdanovic um das, was er "rituellen Städtemord" nennt, um den ingrimmigen, von Vorurteil und Dummheit geprägten Vorsatz, die alten Städte, ihre Schönheit, als "einzigartige Erinnerungsdepots" auszulöschen, das alte Bild eines Tages durch ein fremdes zu ersetzen. Beseitigte Geschichte. Seine Spuren führen weit zurück zur Stadtverteufelung in Bibel, Koran oder Ilias, zu den Stadt-Untergangstheorien des Jahrhundertanfangs, zur eigenen Vermutung, die Stadt werde an sich selber ersticken, an Überfüllung, und ihren kulturellen Wert, die Beziehung zwischen Mensch und Milieu einbüßen.

Natürlich wüßten wir, schreibt er, "was alles die Stadt dem Menschen gebracht" habe. Aber "wissen wir auch, ja, ahnen wir nur, was das endgültige Verschwinden der Stadt wegreißen" könnte, der Stadt als Kulturform, als eine "Sprache", eine jede "geschrieben" wie ein Roman?

Beim Nachsinnen im letzten, dem nachgereichten aktuellen Kapitel erinnert sich der 71jährige an manche frühe Stadt-Endzeit-Erwägung, der er an der Universität nachgehangen hatte. Niemals jedoch, schreibt er, habe er im Traum daran gedacht, die Städte einmal "der unerhörten Technologie eines kaltblütigen, fast rituellen Zerfleischens überantwortet zu sehen", durch "Menschen ohne Unterbewußtsein", "rohe und grausame Menschen", "wollüstige Städtemörder".

Es ist ein (manchmal in sonderbare Fremdwörter vernarrtes) trauriges, traurig erhellendes, verhalten zorniges, nachdenkliches, also die Fragen vermehrendes, kluges Buch. Der Verlag hat ihm bibliophil eine schöne Gestalt gegeben. Bekäme es doch viele Leser! Manfred Sack

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