Während in den Haftanstalten von Bamberg und Kronach die Eltern von Steven N. auf ihr Verfahren wegen Kindstötung gewartet haben, schlachtete die Boulevardpresse im August 1993 den Fall Tobias H. aus: Seine Eltern hatten den achtzehnmönatigen Jungen als vermißt gemeldet. Zuerst deutete einiges auf eine Entführung hin. Doch schon bald wuchs bei den Beamten der Sonderkommission ein "Verdacht, so ungeheuerlich, daß wir ihn nicht auszusprechen wagten", so der Leiter der SoKo, Hans Roppelt. Der Verdacht wurde zur Gewißheit: Tobias war von seiner wütenden Mutter durch einen Tritt in den Bauch getötet, seine Leiche von den Eltern in einen Müllsack gesteckt und in den Abfallcontainer geworfen worden.

Wenn Kinder von ihren Eltern getötet werden, schlägt das meist hohe Wellen. Ob bei Steven N., Tobias H. oder Melanie und Karola Weimar, deren Mutter in einem besonders beachteten Prozeß verurteilt wurde. Doch eine erdrückende Anzahl der Kindsmorde, -tötungen und -mißhandlungen wird nie angezeigt oder aufgeklärt werden. Die ermittelnden Beamten – wenn sie denn überhaupt Hinweise bekommen – sind machtlos. Der Psychologe Michael Baurmann, seit 1977 Gewaltexperte beim Bundeskriminalamt, über die Schwierigkeiten bei einer Untersuchung: "Wenn ein totes Kind unter einen Lastwagen gelegt worden ist, ist die Todesursache nur noch schwer zu ermitteln."

Fatalismus macht sich im Bundeskriminalamt breit, wenn die Statistik im Bereich Kindsmißhandlungen veröffentlicht wird. Im Jahr 1992 wurden registriert: 42 Morde, 30 Totschläge, 11 tödliche Verletzungen, 3975 schwere Verletzungen, 16 381mal sexueller Mißbrauch, 1575mal Mißhandlungen, 4 Entführungen, 967 Vermißte.

Am Beispiel Totschlag – 30 Fälle im vergangenen Jahr – zeigt sich die Ohnmacht der Ermittler. "Die Dunkelziffer liegt um das Zwanzigfache höher", sagt Familienministerin Angela Merkel und liegt mit dieser Schätzung an der Untergrenze dessen, was Experten vermuten. Die Düsseldorfer Rechtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker zum Beispiel geht davon aus, daß in Deutschland jedes Jahr bis zu tausend Kindern von ihren Eltern totgeschlagen werden.

Auch ein neuer Gesetzentwurf wird da wenig Abhilfe bringen. Zwar ist jetzt ein Klaps auf den Po weiterhin erlaubt, alle anderen Züchtigungen mit Schlauch, Gürtel, Stock et cetera gelten aber als "entwürdigende Erziehungsmaßnahmen" und sind strafbare Körperverletzungen.

An der Realität in den Familien wird das nicht viel ändern. Der Hannoveraner Soziologe Gunter Pilz spricht von "überdurchschnittlich vielen überforderten Eltern, die in einer Kurzschlußreaktion das eigene Kind angreifen. Immer weniger können ihre Kinder erziehen".

Nach einer Studie des deutschen Kinderschutzbundes werden mehr als eine Million Kinder mit Stöcken, Riemen oder ähnlichen Instrumenten von ihren Eltern geschlagen. Die handeln in den meisten Fällen nach der Devise, die auch für den Vater des dreieinhalbjährigen Steven N. galt: "Mir hat das damals nicht geschadet. Also hab’ ich mir nichts dabei gedacht."