Von Rolf Michaelis

Ein großes Buch liegt auf dem Boden des tristen Probensaals am Broadway. Niemand beachtet es. Die drei Tänzerinnen und drei Tänzer, die in einem der vielen Übungssäle des Lawrence A. Wien Center im American Ballet Theatre proben, werfen Shawls und Pullover, Socken und Überstrümpfe darauf, stellen Pappbecher mit Kaffee oder Mineralwasser daneben, rollen mit dem weißen Plastikstab darüber, an dem sie die Muskeln entspannen. Und doch ist das Buch mit bunten Flächen und Linien, Skizzen und Schraffuren das geheime Zentrum der Arbeit an diesem Probenvormittag.

Neben dem Buch liegt ein schwarzer CD-Player. Vor dem kniet der Jüngste in diesem Tanz-Ensemble, der Choreograph Joachim Schlömer, gerade 31 geworden, um die Platte anzuhalten oder auf den Takt genau einzuschalten. Dann erklingt in diesem grauen Saal, wo man meint, die Brandmauer vom Nachbarhaus drücke die großen, schmutzigen Fensterscheiben ein, fremdartige Musik. Im Übungssaal rechts werden blasse Kinder zu den Klängen von Tschaikowskijs "Dornröschen" auf Klassisches Ballett abgerichtet; zu den kreischenden Melodien von links, wo junge Menschen in der schrillen Aufmachung arbeitsloser Tänzer als Ersatzkomparsen für ein Musical gedrillt werden, ertönt plötzlich heftig expressive Musik, Arnold Schönbergs spätes Streichtrio op. 45. Der Hörer zuckt zusammen. Er erlebt, was der mit dem Komponisten befreundete Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt beschrieben hat, was jeder Hörer an sich selber erleben kann: "Die Schockwirkung der ersten Minuten ist unentrinnbar. Sie stempelt das Werk als ein geniales Produkt der Angst, der Beklemmung, aus dessen fremdartigen Gestalten, Melodien, Klängen und Rhythmen uns aber unversehens ein Reich unirdischer und traumhafter Wahrheit anspricht."

Schönbergs Zwanzig-Minuten-Musik ist, um Chateaubriands Hauptwerk zu zitieren, eine "Denkwürdigkeit von jenseits des Grabes". Totenklage? Jenseitsmusik.

Der von den Rassenfanatikern der Nazis zur Emigration gezwungene Komponist erlitt im August 1946,72 Jahre alt, einen schweren Herzanfall. Schönberg war einige Sekunden lang klinisch tot, ehe ihn der Arzt durch eine Injektion direkt ins Herz wiederbeleben konnte. "Von einem wirklichen Tod auferstanden", schrieb Schönberg – und begann, noch auf dem Krankenlager, die Komposition des "Trios".

Den Leidensgenossen im kalifornischen Exil, Thomas Mann und Hanns Eisler, verschwieg der Genesene danach nicht, das "Trio" erzähle von Krankheit und Todesgefühl. Dem Komponisten-Kollegen Eisler soll Schönberg gar gezeigt haben, wie die "im sonst hochkontrapunktischen Gewebe" fremd wirkenden, "verschiedenen sechsstimmigen Akkorde, die Injektionen schildern, vier Takte lang in Sechzehnteln neunmal hingetrommelt werden". Stuckenschmidt bewundert die "selbst für Schönberg ganz exorbitante Häufung von wechselnden Klangfarben der drei Streichinstrumente", das "Alternieren von Flageolett, Pizzicato, gezogenem und geschlagenem Holzton, Verschärfung des Geräusch-Charakters durch Spielen auf dem Steg, und obendrein eine Ballung von dynamischen Gegensätzen, durch die der Gesamtklang aller musikalischen Erfahrung widerspricht".

Mit diesem Werk, dessen möglicher Ursprung aus der Leidensgeschichte des Komponisten in der Konstruktion einer Zwölfton-Reihe verschleiert ist, will ein junger Choreograph aus deutscher Provinz die internationale Metropolen-Truppe von Baryshnikov Productions auf die Welt-Tournee im nächsten Jahr vorbereiten?