Mühsam zwängt sich die Angeklagte mit einem Kleinkind im Buggy und einem Jungen an der Hand durch die schwere Saaltür im Amtsgericht Harburg. Direkt daneben sitzt ein Zuhörer. Halb hat er sich umgewandt, um besser beobachten zu können – aufstehen und helfen möchte der junge Mann aber doch nicht. Die Frau seufzt, leider habe sie sich etwas verspätet, sie deutet auf die Knaben.

Eva Sabine B. (25) ist Rechtsextremistin. Am 24. Mai dieses Jahres wollte sie eine Veranstaltung zum Thema "Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit" in der Technischen Universität Harburg stören. Dabei hat sie gegen das Versammlungsgesetz verstoßen und ist vorübergehend festgenommen worden. Die Fragen nach den Personalien beantwortet die Angeklagte: Sie sei "Mutter" und ihr Mann "Arbeiter", sagt sie stolz. Weitere Fragen beantwortet sie nicht.

Eine Mutter mit Kindern ist ein seltener Anblick in Gerichtsgebäuden. Mag sein, daß Eva Sabine B. die Verhandlung als durchaus nicht peinlich empfindet. Andererseits haben sich aber auch keine Gesinnungsgenossen eingefunden, um die national gesinnte Mutti zu unterstützen.

Während der Staatsanwalt die Anklage verliest, kümmert sich Eva Sabine B. um die Kinder. Das Gericht scheint von nun an für sie nicht mehr zu existieren. Nacheinander werden die Wintersachen der Kleinen ausgezogen, die sich wie eine Insel um die Gruppe herum ausbreiten. Im Hintergrund rasselt der Staatsanwalt die Paragraphen herunter, während die Knaben nach Keksen krakeelen. Beide sind blond und blauäuig, einer mag zwei, der andere vielleicht vier sein. Mit ihren selbstgestrickten Jäckchen gleichen sie den Kindern auf Schwarzweißphotographien aus der braunen Zeit. Auch die Frisuren mit kurzem Nackenhaar und exaktem Scheitel erinnern ans Jungvolk. Ihre Mutter weiß, was sich als "deutsche Frau" gehört, züchtig verschwinden die fahlen, blonden Haare in einem Zopf unter der Jacke. Das Gesicht ist selbstverständlich ungeschminkt. Man weiß nicht recht, ob Frau B. hier ganz bewußt "deutsche Mutterschaft" demonstrieren will oder ob die Kinder nicht eher eine Schutzfunktion erfüllen sollen, aber der Zusammenklang von Rechtsextremismus und exemplarisch vorgeführtem kleinbürgerlichen Idyll verstört allemal.

Da sich Eva Sabine B. nicht äußern möchte, kann gleich der Polizist hereingerufen werden, der sie damals festgenommen hat. Auf dem Universitätsgelände hatte die Angeklagte damals, so der Polizist P., schwarze "uniformähnliche Kleidung" an. Auch heute ist Eva Sabine B. von Kopf bis Fuß in ein ausgewaschenes Baumwollschwarz gekleidet. Solche Kluft ist bei Autonomen genauso beliebt wie bei den Rechten. Nur der Rock in BDM-Länge mag dem Eingeweihten verraten, welchem Lager die Angeklagte angehört. Ob ein Anstecker der FAP – verbotenerweise – das "großdeutsche Reich" zeigte, wie sich der Polizist erinnert, oder, wie zu vermuten ist, weil mit gleichem Schockeffekt, aber durchaus erlaubt, "Deutschland in den Grenzen von 1937", ist letztlich unerheblich. Ihr Aufzug gilt bei Rechtsextremen so oder so als Uniform, also Verstoß gegen das Versammlungsgesetz.

Offenbar wollte Frau B. ganz allein in die Versammlung gehen, denn andere Rechtsextremisten hat die Polizei nicht beobachtet. Um die Kundgebungsteilnehmer in ihrem Sinne zu "informieren", trug sie einen Stoß Propaganda-Papiere der FAP unter dem Arm. Auch für den Fall, daß es Ärger geben sollte, hatte Frau B. vorgesorgt: Unter der Jacke steckte ein Gasrevolver. So ein Ding kann man an jeder Ecke legal erwerben und darf es auch bei sich tragen, aber eben nicht zu Versammlungen mitnehmen, der zweite Verstoß. Die Sachlage ist damit klar, unklar hingegen, warum die Angeklagte gegen den zugestellten Strafbefehl Einspruch eingelegt hat. Auf Fragen schüttelt sie unwillig den Kopf, ohne Anwalt wolle sie nicht... Die Richterin läßt nicht locker, bis sie erfährt, daß Frau B. die Buße nicht aufbringen kann. Im Urteil bleibt es bei den vierzig Tagessätzen des Strafbefehls, aber sie werden nun mit jeweils nur zehn Mark festgesetzt.

Damit ist die Richterin der Angeklagten sehr weit entgegengekommen, Eva Sabine B. wird es gar nicht bemerkt haben. Regungslos hört sie das Urteil an. In aller Ruhe werden die Jungen danach wieder verpackt und aus dem Saal bugsiert. Vor Gericht hat Eva Sabine B. keine Schwächen gezeigt. Nur unten auf der Straße bricht ihre Selbstbeherrschung für einen Augenblick zusammen. Da packt sie plötzlich den älteren Sohn am Arm und zerrt ihn schnell mit sich fort, weg von den Journalisten, die ihr gefolgt sind. Gernot Kramper