Von Johannes Pausch

Montreux, Hotelbar: Der Pianist intoniert Beethovens "An Elise" – man hatte die Besuchergruppe als Melomane identifiziert. Meine Nachbarin am Tisch beugt sich zu mir her: "Wissen Sie", raunt sie mir mit gelinde abgedunkeltem Überzeugungstimbre zu, "zu Haus bei mir, da hör’ ja ich immer den Kleidermann, bei der Hausarbeit; also der Kleidermann, der spielt dieses Stück nun wirklich besser – was sag’ ich? Bedeutend besser!"

Milde Ratlosigkeit überkommt mich, mir fällt sofort Thomas Manns Frau Stör ein. Was, um Gottes willen, soll ich denn jetzt bloß antworten? Da tippt mich Theo von hinten an, offenbar am Nachbartisch aufmerksam geworden. Ich solle "sofort mitkommen", irgendwas Wichtiges, das sich dann aber als eine Flasche Fendant entpuppt. Gerettet!

Theodor Müller, Kleinunternehmer in Sachen Orgelreisen, ist in seinem Element. Eine Reisegruppe irgendwo in der Toskana absetzen und nach einer Woche wieder abholen, das ist seine Sache nicht. Undenkbar, daß er nicht selber mitführe, und beileibe nicht nur, um seine Kunden (er nennt sie bescheiden "meine Freunde") noch vor dem kleinsten Ungemach zu bewahren. Spürbar erfüllt ihn die Lust, die Reisegruppe an seine Lieblingsplätze zu führen: "Seht nur!" Und obwohl er sein Unternehmen nun bereits im vierzehnten Jahr betreibt, obwohl er fast alle Reiseziele mindestens schon zehnmal besucht hat, ist ihm sein Vergnügen anzumerken, wenn er die einzelnen Stationen der Reise präsentiert.

Und dies nun keineswegs nur optisch (oder kulinarisch, was sich namentlich beim Reiseziel Oberwallis als überaus präsentabel erweist). Müller hat vor allem eins im Sinn: alte und neue Orgeln der jeweiligen Landschaft vorzuführen. Ein höchst anspruchsvolles musikpädagogisches Programm, das er da seinen Freunden zumutet.

Ob in der Schweiz, in Sachsen, Holland, Italien, immer bemüht sich Müller um die Darstellung der Orgellandschaften, und das ist keine so einfache Sache. Müller richtet sich mitnichten primär an Fachleute, sondern an Musik-, an Orgelliebhaber. Und dies bestätigt auch die Selbstdefinition der meisten Reiseteilnehmer. Etwa Gisela aus München: "Früher hab’ ich im Chor gesungen, und die Orgelmusik hat mir einfach immer gut gefallen."

Es sind nur knapp zwanzig, die da am Dienstag morgen um halb acht in den Bus am Münchner Hauptbahnhof steigen. Einige kennen sich bereits von früheren Ausfahrten, Wiederholungstäter wie Annemarie und Klaus Walter aus St. Egidien in Sachsen, dabei seit der Wiedervereinigung. Die Fahrt ins Oberwallis führt über Bregenz Richtung Liechtenstein, vorbei am Walensee und den Churfirsten, mitten durch die Urschweiz und dann auf der Gotthardtstraße bis Andermatt.