Liebe Kollegen", schreibt die Presseabteilung der Warner Bros. Film GmbH in ihren Verleihnotizen zu "M. Butterfly" – "Liebe Kollegen, um den Kinobesuchern nicht die Spannung zu nehmen, möchten wir Sie bitten, in Ihren Rezensionen nicht zu verraten, daß es sich bei Song Liling in Wirklichkeit um einen Mann handelt."

Aha.

Weil nun aber alles schon verraten und ausgeplaudert ist, was den Film für die Kollegen von der Firma Warner interessant und spannend macht, kann man auch gleich die ganze Geschichte erzählen, die Geschichte von Song Liling, die in Wirklichkeit Shi Pei Pu, und von René Gallimard, der in Wahrheit Bernard Boursicot hieß. Eine wahre und unglaubliche, authentische und vollkommen fiktive Geschichte, ein Schundroman, den das Leben schrieb – nachzulesen auch in der vorletzten Ausgabe der ZEIT (S. 94) und in Joyce Wadlers Enthüllungsbuch "Liaison" (Knaur tb 60195, 14,90 DM).

Bernard Boursicot, ein junger französischer Diplomat, kommt 1964 als Botschaftsbuchhalter nach Peking. Auf einer Party lernt er Shi Pei Pu kennen, einen schmächtigen Jüngling, der an der Pekingoper Frauenrollen singt. Nach ein paar Wochen eröffnet ihm Shi, daß er in Wahrheit eine Frau ist. Ein Liebesverhältnis beginnt. Es dauert zwanzig Jahre lang. 1965 bekommt Shi einen Sohn; sie nennt ihn Bertrand. Boursicot wird mehrmals ins Ausland versetzt, die Kulturrevolution reißt die Liebenden auseinander. Erst 1982 gelingt es dem Franzosen, seine Geliebte und ihren Sohn zu sich nach Paris zu holen. Vier Jahre später wird Bernard Boursicot unter Spionageverdacht verhaftet, legt ein ausführliches Geständnis ab und erfährt eine neue, bittere Wahrheit: Shi Pei Pu war und ist ein Mann. Einzelheiten über das Intimleben des Paares füllen die Prozeßakten und die Spalten der Klatschpresse. Boursicot und Shi werden zu je sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber diese Geschichte hat den kanadischen Regisseur David Cronenberg eigentlich nur oberflächlich interessiert.

Zwei Jahre nach Boursicots Verhaftung schreibt der Amerikaner David Henry Hwang, angeregt durch Prozeßberichte, ein Theaterstück: "M. Butterfly". Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich in einen Mythos verliebt – in den Mythos der liebessüchtigen, demutsvollen Orientalin, wie ihn Giacomo Puccinis Oper "Madame Butterfly" vorführt. "Bist du meine Butterfly?" fragt René Gallimard seine Geliebte verzweifelt, und Song Liling haucht nach kurzem Zögern: "Ja, ich bin deine Butterfly." Der Traum dieses Mannes ist so gewaltig, daß er ihn am Schluß, im Gefängnis, durch seinen Tod besiegeln muß. "Ich habe die vollkommene Frau geliebt", sagt Gallimard, bevor er sich mit einem rostigen Messer die Kehle durchschneidet – das schlimme Ende eines vollkommenen Melodrams. Aber auch an dieser Geschichte hat Cronenberg im Grunde kein besonderes Interesse.

An welcher dann?