Von Hansjakob Stehle

Rom

Wenn "links" und "rechts" in Italien so klare Begriffe wären, wie sie Polit-Ideologen lieben, dann wäre das Triumphwie das Angstgeschrei nach den Kommunalwahlen vom vorigen Sonntag ernst zu nehmen. Tatsächlich bestätigen die Ergebnisse dieser Testwahl jedoch nur, was ohnehin alle seit eineinhalb Jahren verfolgen können: den Untergang des bisherigen Parteiensystems, vor allem seiner Mitte, aus dessen Trümmern sich nun buntschillernde Gebilde erheben und um die Bürgergunst buhlen. Neokommunisten? Neofaschisten? Mal verharmlost, mal verteufelt, sind sie ihrer selber nicht sicher – und noch weniger sind es ihre Anhänger.

Da wirft sich Achille Occhetto in die Brust, der geschickte Konkursverwalter der einst größten kommunistischen Partei des Westens: Als siegreichen Anführer einer künftigen "demokratischfortschrittlichen Allianz", wenn nicht gar als kommenden Regierungschef sieht er sich bereits nach dem Wahlerfolg. Ein linker Kandidat ist ins römische Kapitol eingezogen; ein anderer hat in Neapel den Neofaschisten von Signora Mussolini eine Niederlage verpaßt. Und hat nicht sogar – so freut sich Occhetto – die Börse auf diesen "Sieg der Linken" freundlich reagiert? Vielleicht aber haben die Finanziers nur genauer gerechnet.

Mit immerhin fast 47 Prozent Stimmenanteil in Rom muß sich Gianfranco Fini, der Chef des neofaschistischen MSI, durchaus nicht als trauriger Verlierer gebärden. Er weiß zwar, daß die meisten, die ihn wählten, sich nicht nach Mussolinis Zeiten zurücksehnen – so wenig wie jene 44 Prozent der Neapolitaner, die der Duce-Enkelin ihre Stimme gaben. Mit den 16,4 Prozent, die seine Bewegung im Landesdurchschnitt erreichte, kann sich Fini immerhin brüsten: "Wir sind jetzt die erste Partei Italiens", nämlich die größte unter all den geschrumpften.

Italien wäre jedoch nicht das Land des alles Trennende verwischenden trasformismo, wenn nicht auch jetzt wieder die Grenzen zwischen Gewinnern und Verlierern, zwischen links und rechts verschwimmen würden. "Nationale Allianz" heißt Finis Zauberformel, um sich ins Größere zu "transformieren". Auch Francesco Rutelli, der neue Bürgermeister von Rom, der Sieger aus der Linksallianz, ist ja kein "Roter", sondern ein "Grüner", der in der Ewigen Stadt auf seinem Moped zwischen antiken Monumenten und modernem Müll herumfährt.

Kräftig mitmischen dürfte künftig auf der parteipolitischen Abfallhalde auch jener ehemalige Christdemokrat, der mittels Referenden die revolutionäre Wahlrechtsreform durchsetzte: Mario Segni. Er wird versuchen, ein "Bündnis der Nationalen Wiedergeburt" zum Sammelbecken der heimatlosen Mitte zu machen. Nichts ist gewiß – außer dem Hauptergebnis der Kommunalwahl vom 5. Dezember: Das praktisch entmündigte nationale Parlament wird zum Jahresende aufgelöst. Im Frühjahr wird neu gewählt. Werden bis dahin schon neue, glaubhafte Parteien blühen? Carlo Azeglio Ciampi, der vielleicht auch dann noch als parteiloser Ubergangsregierungschef gebraucht wird, riet Skeptikern: Angesichts der vom Blitz gefällten Bäume sollte man nicht den Wald übersehen, "der weiter wächst und sich erneuert".