So viele Leute hatte die Galerie in ihrem alten, bisher allein der bildenden Kunst gewidmeten Dasein überhaupt noch nie gesehen. Das Publikum drängte sich zwischen den Gußeisensäulen am Münzplatz 11 zu Hamburg. Allerdings hatte dieser Abend einen schillernden, mit luftigen launigen Theorien brillierenden Star, mit dem die Galerie ihr neues Thema eingeführt hat: den New Yorker Architekten Peter Eisenman. Ausgestellt war das Haus, das er dem Maler Immendorff in Köln entworfen hat.

Was immer die Leute in die Galerie getrieben hatte, es bleibt eine erstaunliche Erscheinung: Architektur auf Etageren und an der Wand. Wo früher das Museum of Modern Art in New York weit und breit das einzige war, das zeitgenössische Kunst und Architektur (und Design und Photo graphie) sammelte und ausstellte, und wo Aedes in Berlin die weit und breit einzige Galerie für Architektur war – da wimmelt es jetzt davon.

Lassen wir die Architekturmuseen in Frankfurt am Main, Helsinki, Amsterdam und sonstwo beiseite, auch die reich gefüllten Hochschul- und Akademie-Archive, die ihre Schätze längst auszubreiten wissen, bleiben wir bei den Galerien: Es gibt ihrer so viele wie noch nie, und es werden immer mehr. Nach Aedes in Berlin entstanden sie in Hannover, München, Stuttgart, in Basel, Luzern, Zürich, in Kopenhagen, London, Oslo und in Wien. In Brüssel engagiert sich eine Fondation pour l’architecture, in Hannover seit ein paar Jahren ein Verein zur Förderung der Baukunst.

Genau das rumort in allen diesen Unternehmungen: Architektur unter die Leute zu bringen, portionsweise, ausgesucht, gezielt, als Bild, als Beispiel, als Anregung. Für viele: die erste, etwas genauere Bekanntschaft mit dem Gegenstand. Fast ist es gleich, ob die einen (wie Aedes inzwischen) Sponsorenhilfe bei einschlägig engagierten Firmen suchen, ob die anderen (wie die Hamburger Galerie von Angelika Hinrichs und Renate Kammer) hoffen, mit dem Architektur-Kunsthandel, also durch den Verkauf von Zeichnungen, Skizzen, Modellen, Photographien, über die Runden zu kommen oder auch durch die Vermittlung ausgesuchter Architekten an die ausgesuchte, Kunst sammelnde Klientel. Oder ob die anderen, die gemeinnützigen Galerie-Vereine, nichts anderes anstreben, als öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses im bürgerlichen Bildungskanon gar nicht wirklich existierende Thema Architektur zu richten. Endlich, so lautet die Hoffnung, sollte mit Verstand über das Bauen gesprochen und gestritten werden!

Aber die Schulen? Ach! Die führen zwar, recht und schlecht, in alle Künste ein, schicken ihre Adepten ins Theater, ins Museum, in Dichterlesungen, lassen sie Aufsätze über Gedichte und Romane schreiben, analysieren Beethovens Fünfte, vielleicht sogar ein Stück von Aribert Reimann, lassen singen, malen, schreiben, kneten – aber die Architektur? Ja, vielleicht, vielleicht ein bißchen Stilgeschichte zwischen Romanik und (oh!) Bauhaus: reine Oberflächen-Bekanntschaft, bei der die Baukunst als Gebrauchskunst mit all den politischen, finanziellen, sozialen, den gesetzlichen, bodenrechtlichen, handwerklichen und industriellen Verstrickungen (und der Macht ungebildeter Bauherren) allen so fremd bleibt wie vorher. Geschmacksbildung? Urteilsbildung? Wozu hat der Mensch seinen Bauch! Nicht, daß die Galerien nun den Mangel wettzumachen vermöchten. Aber es scheint, als gebe es eine Stimmung für Architektur; sie ist momentan so gut wie lange nicht.

Und wo merkt man das am schnellsten? In der Politik. Da ist es seit ein paar Jahren schon das größte Lob, von jemandem ein Architekt (der Asienpolitik, des Kapitalfluchtwesens, der Dreitagewoche) genannt zu werden. Was sieht Minister Kinkel, da die Nato sich dem Osten öffnet? Den "Bau einer neuen Sicherheitsarchitektur".

Manfred Sack