Vom Sockel gestoßen – Seite 1

Von Kai Peter Rath

Wie kann ein Wirtschaftsbuch zum Bestseller werden, obwohl es nichts Neues bietet, vor Polemik strotzt und in sich lauter Widersprüche birgt? Günter Ogger hat dieses Kunststück vollbracht: Am 14. Juni 1993 erklommen seine "Nieten in Nadelstreifen" Platz eins der Sachbuch-Verkaufsliste. Seither thront das Werk dort. Verkaufte Auflage bisher: 350 000 Stück im Handel plus knapp 50 000 im Bertelsmann-Buchclub. Der Verlag Droemer-Knaur rechnet damit, im Weihnachtsgeschäft nochmals bis zu 2000 Exemplare täglich loszuwerden.

Die 272 Seiten des Buches handeln von "Versagern, Anpassern, Duckmäusern, Fachidioten, Knastbrüdern, Blendern, Langweilern, Greisen" – kurz: von Deutschlands Managern. Ogger hat zusammengeschrieben, was in den vergangenen Jahren über Fehler und Verbrechen der Wirtschaftselite in den Zeitungen und Zeitschriften stand, überzogen mit einem säuerlichen Guß aus Häme, Verallgemeinerung und Übertreibung. Einer der wenigen, die im Buch gut wegkommen, ist Unternehmensberater Roland Berger. Er zählt laut Ogger "sicher zu den intelligentesten Managern, über die Deutschland derzeit verfügt". Berger steht also nicht im Verdacht, auf Rache zu sinnen, wenn er urteilt: "Das Buch ist so einseitig, wie man es sich von einem Autor vorstellt, der einen Bestseller schreiben will, ohne Rücksicht auf die Realität nehmen zu müssen."

Die Kritik kann weder dem Buch noch dem Autor etwas anhaben. Dem Buch sowieso nicht, das beweist die Auflage. Dem Autor auch nicht, das zeigt Oggers Reaktion: "Natürlich habe ich polemisiert, sonst hätte ich nichts bewirkt." Und bewirkt habe er immerhin, daß die Unternehmenslenker von ihren Sockeln gestoßen wurden. Das Geheimnis seines Verkaufserfolges führt der Autor auf das Timing zurück: "Als das Buch im Herbst 1992 auf den Markt kam, merkten die Leute gerade, daß es mit der deutschen Wirtschaft bergab geht." Außerdem griffen die Leser dankbar nach seiner Erklärung für die Misere – eben das schiere Versagen der Herren in Nadelstreifen. So einfach ist das.

Die wirklichen Gründe für Massenentlassungen und Werkschließungen zu erfahren, das ist nach Ansicht des Psychologieprofessors Oswald Neuberger in der Tat einer der Hauptanreize zur Ogger-Lektüre: "In Wahrheit kann natürlich niemand die schwierigen Zusammenhänge beim Niedergang eines Unternehmens von außen durchschauen, da ist die Personifizierung der Schuld eine große Hilfe." Wechselkurse, Auslandskonjunktur, Kostenkrise, "das sind ja alles gute Gründe. Aber was ist das schon gegen die plakative Aussage, der Schrempp ist schuld an den Problemen der Dasa", sagt Neuberger. Es sei halt leicht, alle Ursachen bei "denen da oben" zu suchen.

Die Sündenliste der nadelgestreiften Nieten ist lang, lehrt Ogger. Sie seien übertrieben herrschsüchtig, "absolutistische Fürsten". Durch längst vergangene Erfolge habe "die Kaste der Manager in den letzten Jahren eine Machtvollkommenheit erlangt, die der Nachlässigkeit ebenso Vorschub leistet wie der Arroganz". Dabei ist Oggers Kritik wahrhaft gründlich, denn er wirft den Managern sicherheitshalber auch gleich das Gegenteil vor:

"Die meisten von ihnen fühlen sich eher als arme Würstchen, die nicht so recht wissen, wie sie ihre Mitarbeiter dazu bringen sollen, das zu tun, was getan werden muß." Der Autor sieht es gelassen: "Es mag sein, daß das Buch Widersprüche enthält, ich bin da sehr pragmatisch und greife jede Fehlentwicklung im Management auf."

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Ganz pragmatisch sieht Psychologe Neuberger einen zusätzlichen unschätzbaren Vorteil des Buches: "Der Aggressionstrieb gegenüber Vorgesetzten wird hier stellvertretend beim Lesen befriedigt." So verhindert "Nieten in Nadelstreifen" Morde im Büro, mindert Frust und üble Laune. "Es macht die eigenen alltäglichen Kränkungen erträglicher", ergänzt Neuberger, "wenn die Hierarchen auch mal ihr Fett wegkriegen. Hier schreibt einer, was man immer schon über den eigenen Chef sagen wollte."

Hinzu kommt: Hier schreibt auch einer über fremde Chefs. Unternehmensberater Berger zu seinen Beobachtungen bei Vorständen und Geschäftsführern: "Viele lesen das Buch und freuen sich darüber, wie ihre Kollegen kritisiert werden." Die "Mißmanager" in den Führungsetagen werden namentlich vorgeführt: Carl Hahn (früher VW), Peter Tamm (früher Springer Verlag), Heinz Dürr (Deutsche Bahnen), Kajo Neukirchen (früher Hoesch), Jens Odewald (Kaufhof). Otto Wolff, der ehemalige Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, wird sogar als "größte Niete in Nadelstreifen der letzten 20 Jahre" dargestellt. Die Nachfrage bei den Gescholtenen ergibt den gleichen Effekt wie seinerzeit bei der Fernsehserie "Dallas": Keiner will das Buch gelesen haben, aber jeder kennt es.

Außer Schadenfreude dürfen die im Buch vergessenen Leitenden allerdings nicht viel erwarten, zumindest keine neuen Erkenntnisse über die Defizite deutscher Unternehmen. Nach der Qualität der Oggerschen Analysen befragt, antwortet Berger: "Das Buch ist doch nur zusammengeschustert, das meiste abgeschrieben. So ein Titel wird wahrscheinlich um so erfolgreicher, je weniger Mühe man sich damit macht."

Mit viel Mühe pflegt Ogger gesunde Vorurteile über Manager: "Damit keine Langeweile aufkommt, vergnügen sie sich derweil auf allerlei Seminaren, Kongressen und anderen fröhlichen Veranstaltungen, die selbstverständlich stets der ‚Fortbildung‘ dienen. Wenn schon nicht auf dem Golfplatz, suchen sie Entspannung beim Überlebenstraining mit dem früheren Zehnkampfweltrekordler Kurt Bendlin oder bei den Karatekursen des Arnold Gehlen."

In einem Punkt gibt Berger dem Buchautor allerdings recht: "Die deutschen Unternehmen haben tatsächlich in vielen Bereichen die technologische Entwicklung verschlafen." Auch Neuberger räumt ein: "Es ist gut, daß die Manager keinen Heiligenschein mehr haben." Den hat Ogger weggerissen. Jetzt setzt er ihn wieder auf. In der Zeitschrift Bunte nominierte er jüngst dreizehn "Sieger in Nadelstreifen". Einer von ihnen: Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der "Deutschlands zweitgrößtes Industrieunternehmen sicher durch die Krise" steuere. Im Buch hieß es noch: "Die Frage sollte erlaubt sein, warum den hochbezahlten Siemens-Vorständen nichts Besseres einfällt, als ihr Geld auf die Bank zu tragen."

Eigentlich müßte Ogger mehr Verständnis für die Nieten haben. Schließlich wurde die von ihm kreierte Zeitschrift High Tech mangels Erfolges eingestellt. Neuberger: "Er schreibt über Versager in der Wirtschaft, obwohl er selbst versagt hat." In diesem einen Fall schiebt Ogger die Schuld jedoch nicht dem Macher zu, sondern den Kunden: In seinem Buch ist nachzulesen, daß die Chefs in den Vereinigten Staaten und Japan High-Tech-Fabriken hochziehen, "während hierzulande nicht mal eine Zeitschrift mit dem Titel High Tech genügend Leser findet". Die deutschen Manager – ein Heer von Ignoranten.