Ganz pragmatisch sieht Psychologe Neuberger einen zusätzlichen unschätzbaren Vorteil des Buches: "Der Aggressionstrieb gegenüber Vorgesetzten wird hier stellvertretend beim Lesen befriedigt." So verhindert "Nieten in Nadelstreifen" Morde im Büro, mindert Frust und üble Laune. "Es macht die eigenen alltäglichen Kränkungen erträglicher", ergänzt Neuberger, "wenn die Hierarchen auch mal ihr Fett wegkriegen. Hier schreibt einer, was man immer schon über den eigenen Chef sagen wollte."

Hinzu kommt: Hier schreibt auch einer über fremde Chefs. Unternehmensberater Berger zu seinen Beobachtungen bei Vorständen und Geschäftsführern: "Viele lesen das Buch und freuen sich darüber, wie ihre Kollegen kritisiert werden." Die "Mißmanager" in den Führungsetagen werden namentlich vorgeführt: Carl Hahn (früher VW), Peter Tamm (früher Springer Verlag), Heinz Dürr (Deutsche Bahnen), Kajo Neukirchen (früher Hoesch), Jens Odewald (Kaufhof). Otto Wolff, der ehemalige Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, wird sogar als "größte Niete in Nadelstreifen der letzten 20 Jahre" dargestellt. Die Nachfrage bei den Gescholtenen ergibt den gleichen Effekt wie seinerzeit bei der Fernsehserie "Dallas": Keiner will das Buch gelesen haben, aber jeder kennt es.

Außer Schadenfreude dürfen die im Buch vergessenen Leitenden allerdings nicht viel erwarten, zumindest keine neuen Erkenntnisse über die Defizite deutscher Unternehmen. Nach der Qualität der Oggerschen Analysen befragt, antwortet Berger: "Das Buch ist doch nur zusammengeschustert, das meiste abgeschrieben. So ein Titel wird wahrscheinlich um so erfolgreicher, je weniger Mühe man sich damit macht."

Mit viel Mühe pflegt Ogger gesunde Vorurteile über Manager: "Damit keine Langeweile aufkommt, vergnügen sie sich derweil auf allerlei Seminaren, Kongressen und anderen fröhlichen Veranstaltungen, die selbstverständlich stets der ‚Fortbildung‘ dienen. Wenn schon nicht auf dem Golfplatz, suchen sie Entspannung beim Überlebenstraining mit dem früheren Zehnkampfweltrekordler Kurt Bendlin oder bei den Karatekursen des Arnold Gehlen."

In einem Punkt gibt Berger dem Buchautor allerdings recht: "Die deutschen Unternehmen haben tatsächlich in vielen Bereichen die technologische Entwicklung verschlafen." Auch Neuberger räumt ein: "Es ist gut, daß die Manager keinen Heiligenschein mehr haben." Den hat Ogger weggerissen. Jetzt setzt er ihn wieder auf. In der Zeitschrift Bunte nominierte er jüngst dreizehn "Sieger in Nadelstreifen". Einer von ihnen: Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der "Deutschlands zweitgrößtes Industrieunternehmen sicher durch die Krise" steuere. Im Buch hieß es noch: "Die Frage sollte erlaubt sein, warum den hochbezahlten Siemens-Vorständen nichts Besseres einfällt, als ihr Geld auf die Bank zu tragen."

Eigentlich müßte Ogger mehr Verständnis für die Nieten haben. Schließlich wurde die von ihm kreierte Zeitschrift High Tech mangels Erfolges eingestellt. Neuberger: "Er schreibt über Versager in der Wirtschaft, obwohl er selbst versagt hat." In diesem einen Fall schiebt Ogger die Schuld jedoch nicht dem Macher zu, sondern den Kunden: In seinem Buch ist nachzulesen, daß die Chefs in den Vereinigten Staaten und Japan High-Tech-Fabriken hochziehen, "während hierzulande nicht mal eine Zeitschrift mit dem Titel High Tech genügend Leser findet". Die deutschen Manager – ein Heer von Ignoranten.