Wasser kann überraschend knapp sein in den Alpen. Im Südtiroler Vinschgau regnet es mancherorts so wenig wie in sizilianischen Landstrichen. Im Laufe von Jahrhunderten haben die Vinschgauer Bauern deshalb ein ausgedehntes Netz von Kanälen und Wasserleitungen angelegt, die Waale genannt werden. Ihrem Lauf folgen Wege und Steige, die zur Instandsetzung unerläßlich sind: Laub verstopfte Kanäle, der Frost ließ hölzerne Rinnen zerspringen, Steinschlag zertrümmerte eine Leitung.

Einige dieser Waalwege beschreibt Gianni Bodini in seinem Buch Waalwege. Entlang den Lebensadern der Vinschgauer Bergbauern (Verlag J. Berg, München 1993; 128 S., 29,80 DM.) Beschauliche Spaziergänge in der Ebene, aber auch Exkursionen bis an den Abgrund, über den der Steig nur noch mit Holzbohlenbreite führt.

Eine Wanderung als Lektion über den Wert des Wassers, für das die Waaler, die Instandhalter der Leitungen und Kanäle, ihr Leben riskierten. Zu Anfang der Bewässerungszeit wurde für manche von ihnen eine Messe gelesen.

Gianni Bodini verzichtet auf metergenaue Angaben. Lieber schildert er die Details am Wasserwegrand, zum Beispiel die Waalerschellen, deren regelmäßiges Klopfen den Bauern das gleichmäßige Fließen des Wassers signalisierte. Doch ihr Klang ist größtenteils verstummt. Bis vor wenigen Jahren bewässerten über 200 Waale Felder und Wiesen des Vinschgaus, jetzt fließt nur noch durch etwa ein Dutzend das Wasser.

Bodinis Routenbeschreibungen sind, ähnlich den Rettungsgrabungen der Archäologen, letzte Momentaufnahmen vor dem endgültigen Zerfall. Kanäle versandeten und vertrockneten, steinerne Stützen brechen weg; die Holzrohre, die sie trugen, sind schon lange verschwunden.

Der Autor verschweigt nicht, daß die Bauern stundenlang im kalten Wasser stehen mußten, um es mit Blechen oder Steinplatten in die Wiesen abzuleiten, und er weiß, daß die moderne Technik auf Knopfdruck höhere Ernteerträge bei geringerem Wasserverbrauch ermöglicht. Aber sein Respekt und seine Sympathie gehören der untergehenden Kultur von Jahrhunderten.

Wolfang Albers